“Flash Forward” – Für ein Leben nach “Lost”

ABC strahlt aktuell die definitiv letzte Staffel der Serie “Lost” aus, welche weltweit für einiges Aufsehen und Interesse sorgte. Nicht umsonst gibt es ein eigenes Lostpedia-Lexikon, welches in unzähligen Sprachen verfügbar ist und eine leise Vorahnung davon gibt, welch enormes Interesse diese Serie generiert hat. Aber leider, dass dürfte einer Serie wie Lost, die sich nur allzu ausführlich mit philosophischen Fragen der Zeit befasst, auch klar sein, ist irgendwann auch mal das Ende nah. Und dieses Ende ist nun eben nach 6 Staffeln erreicht, wenngleich das Ende nur auf den Anfang verweist und “Lost” ohnehin stets deutlich gemacht hat, dass diese Serie wieder und wieder angesehen werden möchte um daher, in der Wiederholung stets das Neue sichtbar werden zu lassen.

Der US-Haussender – ABC – will sich aber verständlicherweise nicht auf Ruhm, Geld und Ansehen, welches Lost eingebracht hat, ausruhen, und schickt, noch während der letzten Lost-Staffel schon die nächste Mystery-Serie ins Rennen, welche seit dieser Woche, auf ProSieben natürlich, auch hierzulande zu sehen ist. Die Rede ist von “Flash Forward”. Zugegeben, qualitativ kann die Serie derzeit, insbesondere was Charaktere und Dialoge anbelangt, noch nicht mit “Lost” mithalten, möglicherweise entwickelt sich dies aber noch. Immerhin stehen mit Brannon Braga, dem Produzenten der Echtzeitthriller-Serie “24″ und David S. Goyer, dem Writer von “The Dark Knight”, “Batman Begins” oder dem schon etwas älteren, aber sehr sehenswerten “Dark City”, zwei durchaus namenhafte, etablierte Größen hinter dem Projekt aus den ABC-Studio-Productions. Und für wahre “Lost”-Fans gibts mit Sonya Walger (Penny Widmore) immerhin ein bekanntes Gesicht von der Insel zu sehen.

Der Plot ist relativ schnell erläutert. Überall auf der Welt erleiden die Menschen am 8. Oktober 2009 um 11 Uhr Ortszeit (Los Angeles) einen Blackout, welcher exakt 137 Sekunden andauert. Sie fallen dabei jedoch nicht einfach nur in Ohnmacht, sondern erleben in eben jenen 137 Sekunden die Zukunft – genau genommen den 29. April 2010. Im Mittelpunkt der Handlung steht dabei ein FBI-Büro in L.A., welches die Hintergründe und Ursachen dieses Blackouts herausfinden möchte. Schon bald glaubt man dabei nicht mehr einfach nur ein ein unerklärliches, aber natürliches Phänomen, sondern vermutet eine geplante Tat hinter dem Blackout.

Überaus positiv fällt auf, dass die Serie gleich von Beginn an konsequent eine düstere und beängstigende Atmosphäre aufbaut. Der Blick in die Zukunft ist nicht, wie so oft, Ursprung für Glück, Erfolg und Ruhm. Es geht nicht darum, Lottozahlen und Aktienkurse aus der Zukunft zu kennen und daher reich zu werden. Es geht nicht darum, zukünftige Verbrechen zu vereiteln. Stattdessen regiert das Chaos. Die Welt ist im Ausnahmezustand. Dutzende Tote sind zu beklagen, da Flugzeuge unkontrolliert während des Blackouts abstürzten oder der Strassenverkehr massenhaft zum Erliegen kam und weitere Opfer zu beklagen hat. Schnelle Hilfe und Rettung ist nicht zu erwarten, da jeder – auch die Polizei, die Feuerwehr und sämtliche Ärzte in den Krankenhäuser mit sich selbst und den Problemen vor Ort schon genug zu tun haben. Und schon bald stellen sich mehr und mehr Menschen die Frage, was man eigentlich nun davon hat, die Zukunft, zumindest diesen einen Tag am 29. April 2010 schon zu kennen. Fluch oder Segen? Während der eine Mann erfährt, dass seine in Afghanistan gefallene Tochter tatsächlich noch am Leben zu sein scheint, muss ein Anderer mit ansehen, wie seine Ehe zugrunde geht. Während der eine sich wünscht, dass seine Sicht in die Zukunft unbedingt in Erfüllung gehen sollte, will der Andere seine Zukunft in jedem Falle ändern.

Wenn man sich, wie hier, derart mit dem Phänomen der Zeit auseinandersetzt, muss man zwangsläufig in Paradoxien landen. Dies ist aber, vergleichbar zu “Lost”, die eigentliche Stärke der Serie, welche seine Zuschauer permanent zum Mitdenken animiert und nicht nur unterhalten will. Der FBI-Agent Mark Benford sieht in der Zukunft, wie der Blackout von ihm untersucht wird. Daraufhin beginnt er, angetrieben durch seinen Vorgesetzen, die Ermittlungen schon jetzt, am 8. Oktober aufzunehmen. Gibt es die Ermittlungen also nur, weil er gesehen hat, dass er eben jene Ermittlungen in der Zukunft leiten wird? Aus dieser Schleife gibt es kein logisches Entkommen! Stück für Stück beginnt er, und mit ihm wir, das Mosaik aus verschiedenen Zukunftsvisionen von so vielen Menschen wie nur möglich, zusammenzusetzen.

Als geübter “Lost”-Zuschauer gibt es dabei natürlich allerhand zu entdecken. Gleich die erste Episode enthält augenzwinkernde Verweise auf “Lost”: In einer Szene observiert Mark mit seinem Kollegen ein paar Verdächtige. Im Hintergrund erkennt man eine Reklametafel für die Airline “Oceanic”, jene Fluglinie,die uns seit sechs Jahren mit “Lost” begleitet.

(Bild anklicken zum Vergrößern)

An anderer Stelle läuft Mark durch die Strassen von L.A., bei genauem Hinsehen erkennt man im Hintergrund einen Bus, welcher für “Lost” wirbt. Zumindest sind die beiden sichtbaren Buchstaben “s” und “t” nicht zu verkennen.
(Bild anklicken zum Vergrößern)

Auch fernab solcher “Insider-Gags” darf man wachsam bleiben, ganz so, wie man es bei “Lost” gelernt hat: Verweise auf die Zeit sind allgegenwärtig. So ist unverkennbar das Wort “timeless” auf der Zeitung, die Mark während einer Observierung liest, ins Bild gesetzt.

(Bild anklicken zum Vergrößern)

An anderer Stelle erkennt man in Hintergrund, dass in einem Theater aktuell “The Tale Of Attaf” gespielt wird, ein Kapitel aus “One Thousand and One Nights”. Das Kapitel handelt von einer “self-fulfilling prophecy”. Ohne jeden Zweifel wird hier schon eine Aussage zur gesamten Thematik innerhalb von “Flash Forward” getroffen.

(Bild anklicken zum Vergrößern)

Die Zukunft wird als Erinnerung wahrgenommen. Man erinnert sich an Etwas, was erst noch passieren wird, behandelt das Gesehene aber zunehmend auch schon als etwas Vergangenes, das nun Reaktionen in der Gegenwart zeitigt, die doch ihrem Grunde nach irrational sind, da niemand wirklich sicher sagen kann, ob der 29. April tatsächlich so ablaufen wird, es sei denn, man verhält sich nun genau danach. Ereignet sich die Zukunft am 29. April also tatsächlich so, weil dies ohnehin der Lauf der Dinge gewesen wäre, oder ereignet sich jener Tag so, da er vorab in einer Prophezeihung auf diese spezifische Weise “erlebt” wurde? Mark verhilft letztlich der Vision dazu, real zu werden. Denn er startet jetzt jene Ermittlungen, welche er gemäß seiner Vision sechs Monate später führen wird. Ohne die Vision hätte er die Ermittlungen am 8. Oktober 2009 nicht aufgenommen und sie wären vielleicht nie aufgenommen worden – self-fulfilling prophecy.

Immerhin darf man nun, nach dem baldigen Ende von “Lost” froh sein, einen offenbar würdigen Ersatz von ABC bekommen zu haben – eine Serie nämlich, die unser Mitdenken voraussetzt, statt es, wie beispielsweise bei “Alarm für Cobra 11″ wissentlich und vorsätzlich auszuschalten – oder um in der Sprache der Bilder zu bleiben, wegzusprengen. Übrigens: Das FlashForward-Wiki hat seine Arbeit natürlich schon aufgenommen. Aber Vorsicht: Hier besteht akute Spoiler-Gefahr!

Orphan

“Orphan” ist ein Film, der nicht lange benötigt, um in Fahrt zu kommen. Er beginnt mit mit schaurigen, blutigen Bildern, welche uns unvermittelt in die Situation von Kate und John Coleman werfen. Sie sind die Eltern von Max und Daniel, deren drittes Kind – Jessica – noch vor der Geburt starb. Eben jene Eltern, die sich offenbar nichts sehnlicher wünschten, als ein weiteres Kind, beschließen nun, ihre Liebe einem Adoptivkind zu schenken. Schnell, vielleicht etwas zu schnell, denn hier hält sich der Film tatsächlich nicht lange auf, finden sie die scheinbar perfekte Esther. Das 9-jährige Mädchen aus Russland, welches seine Eltern bei einem Hausbrand verloren hat, weiß sich gewählt auszudrücken, spielt wunderbar auf dem Klavier, malt wunderschöne Bilder, lernt sogar die Gebärdensprache, da Max, die jüngste Tochter der Colemans, nahezu taub ist…kurzum: sie ist das Kind, welches fortan bei Kate und John leben soll. Das Tempo des Films lässt es natürlich vermuten – es dauert nicht lang, da gehen merkwürdige Dinge vor sich. Unfälle ereignen sich, ein Todesopfer ist zu beklagen und jedes Mal scheint die kleine Esther nicht weit vom Tatort entfernt zu sein.

Klingt bis hierhin erstmal leidlich spannend, leidlich innovativ, denn das Thema von bösen, dämonischen Kindern ist wohl fast so alt, wie das Genre des Horrorfilms selbst. Man denkt sofort an Filme wie “Das Omen”, “The Children”, oder “Whisper” und fragt sich durchaus berechtigt: Was kann “Orphan” dieser Thematik noch hinzufügen? Durchaus Einiges! So entfaltet sich “Orphan” als durchaus doppelbödiger Film, der eher als Thriller durchgehen muss und weniger als Horrorfilm. Überdies wird am Ende, welches hier natürlich nicht verraten wird, deutlich, dass dieser Film schlussendlich kaum noch etwas mit den genannten Horrorfilmen zutun hat. Und genau dies ist auch sein Thema: Anders sein, Akzente setzen, sich selbst Absetzen. Ein scheinheiliger Film!

“Orphan” weiß um seine Wahrnehmung als Horrorfilm, der er vordergründig sein soll und spielt gekonnt mit unser aller Konditionierung beim Filme sehen. Er weiß um seine Genrezugehörigkeit und überschreitet – besser gesagt: unterschreitet – konsequent das ihm anhaftende Genre. Es ist eine wahre Freude, wie dieser Film permanent seine Spannung aufbaut und den nächsten Schocker wieder und wieder erwartbar macht, nur um den erwarteten Schrecken dann, ganz konsequent, ausfallen zu lassen. Dieses Anders-Sein des Films reflektiert sich schon in den Personen: Kate ist trockene Alkoholikerin, die vor allen Dingen wegen ihrer Kinder aufgehört hat zu trinken – beinahe wäre Max ihretwegen umgekommen. Nach Außen hin wahrt sie jedoch den Schein der fürsorglichen Mutter, die sie tatsächlich auch ist – jedoch eben nicht ohne dieses Problem, welches so gut es geht verborgen bleiben soll. Als das Ehepaar Esther zum ersten Mal im Waisenhaus besucht, feiern alle Kinder eine Geburtstagsparty, nur Esther sitzt allein vor ihrer Staffelei und malt. Darauf angesprochen sagt sie nur: “Ich schätze ich bin eben anders.” Und Kate reagiert: “Ich finds nicht schlimm, anders zu sein”

Ähnlich arbeitet sich nun dieser Film durch das Horrorgenre. Einmal sieht man Kate im Bad, wie sie den Spiegelschrank öffnet. Die Art und Weise, wie der Spiegel hier thematisiert wird, ruft uns wach. Wir ahnen schon, was gleich passieren wird: Wenn sie den Schrank wieder schliesst, wird plötzlich jemand hinter Kate stehend, im Spiegel zu sehen sein und sie – wie uns gleichermaßen – erschrecken. Doch dazu kommt es nicht. Der Film verweigert uns diesen Schrecken und vermag uns dabei in gewisser Weise zu erschrecken. Wenn wir uns bei einem Horrorfilm nicht mehr darauf verlassen können, erschreckt zu werden, wenn wir das Unerwartete nicht mehr erwarten können, dann sind unsere Sehgewohnheiten auf den Kopf gestellt – und dies ist, gerade in diesem Film, sehr schrecklich! Später steht Kate vor dem Kühlschrank und öffnet dessen Tür. Wir können nicht mehr sehen, was sich im hinteren Teil der Küche abspielt, da die offene Tür die Sicht versperrt. Die Musik hebt an und lässt die heimelige Atmosphäre ins Düstere, Umheimliche abdriften. Gleich wird sie die Tür schließen und jemand oder etwas, was dahinter bis jetzt noch unsichtbar war, wird sichbar werden und uns erschrecken – doch Nichts der gleichen passiert. Es bleibt die heimelige Küche. Alles ist an seinem Platz. “Orphan” ist eben anders. Es ist kein Horrorfilm, und daher kommen wir mit unserer Art und Weise, Filme aus diesem Genre zu gucken, auf bestimmte Reize zu reagieren, nicht mehr weit.

Wer Esther nun ist, kann hier nicht beantwortet werden, denn diese Antwort legt zugleich das Wesen des Films selbst frei. Esthers Bilder sind ein weiterer Anhaltspunkt für das Anders-Sein. Oberflächlich betrachtet sehen wir Blumen, Tiere – die heile Welt. Aber eines Nachts, als John im Zimmer das Licht ausmacht und nur noch die Schwarzlichtlampe aus dem Aquarium eingeschaltet ist, offenbaren die Bilder ihr wahres Gesicht: hässliche Fratzen, Blut, Tot…die Bilder sind ein Lichtspiel, die erst unter UV-Licht ihr Wesen zeigen. Ein Lichtspiel, wie der Film selbst, der erst noch ins rechte Licht gerückt werden muss. Man darf seinen Augen nicht mehr trauen – oder wie die Psychologin im Film, auch den Ohren nicht mehr (denn völlig richtig erkennt Kate ja, dass Esther der Psychologin nur das erzählt, was diese gern hören möchte).

Alles, was wir sehen und hören, ist tatsächlich nicht das, was es ist. Unsere Sinne sind nur hinreichend gut genug, um das Wahre zu erkennen. Was die Philosophie uns redlich bemüht immer schon sagen will, vermag dieser Film auf interessante Weise anschaulich zu zeigen. Es gibt sie nicht, die einmalige, von jedem beobachtbare Welt da draussen, die Realität. Es gibt nur ein Wahrnehmungsgeflecht, welches je verschieden, ganz subjektiv wahrnehmbar ist und “Welt” niemals ganz erfassen kann… Das Waisenhaus ist eine Psychiatrie, die Unfälle sind geplante Attacken und die kleine Esther ist tatsächlich…
“Orphan” ist trotz bekannter Thematik ein völlig anderer Film, als man es nur durch den groben Inhalt erahnen könnte. Und genau mit diesen Ahnungen, Erwartungen, Konditionierungen spielt dieser Film vorzüglich.

Vorschau: “A Serious Man”

Sie sind schon wieder auf der Leinwand zurück: Die Gebrüder Coen – Ethan und Joel Coen. Genau die, die uns mit “Fargo”, “The Big Lebwoski”, “No Country For Old Men” und “Burn After Reading” einen grandiosen Film nach dem anderen auf die Leinwand zaubern, lassen für das Jahr 2010 keine Langeweile aufkommen und präsentieren hierzulande ab dem 21. Januar bereits ihren nächsten Film: “A Serious Man”

Der Trailer, den man hier nun zeigen könnte, lässt bereits Vieles erahnen von dem, was man ohnehin erwarten wird. Doch besser noch, als der Trailer vielleicht Lust auf das Ansehen des Films macht, kann dies folgender Teaser, welcher uns zurück führt in die Zeiten von Fargo. Bitte schön:

Mehr zum Film demnächst hier.

Und weil man den Trailer dennoch gesehen haben muss, um festzustellen, dass man auch den Film unbedingt gesehen haben werden will, gibts nun auch noch den Trailer in HD, deutsch und nur für meine getreuer Leserschaft:

Synecdoche New York. Kino, Welt, Dasein

Endlich! Wie wichtig dieses Wort doch sein kann. Endlich ein schöner Film, ein wunderschöner Film sogar. Nach all den tollen, effektvollen, spannenden, lustigen..usw. Filmen dann tatsächlich mal wieder einer dieser raren, wunderschönen Filme. “Endlich” und “Endlichkeit” ist dann aber auch noch das Thema des Films selbst. Denn es geht (unter anderem) um nichts Geringeres als das Leben, unser aller Dasein selbst – und dieses ist nunmal, obs uns nun gefällt oder nicht: endlich. Schon der erste Satz im Film – wir hören Radio – beginnt mit einem Nachdenken über Herbst, was für viele der “Anfang vom Ende ist”. Damit ist klar, wohin uns der Film führen wird: wir steuern auf ein Ende zu, das Ende des Protagonisten, und natürlich – die Selbstreflexivität des Films lässt grüßen – ist jeder Anfang eines Films zugleich auch stets der Anfang von dessen Ende. Filme sind wie Menschen, sie müssen irgendwann mal zu Ende sein. Mit dem Tag unserer Geburt ergeben sich etliche, um nicht zusagen, unüberschaubar viele Möglichkeiten und Wege, die wir in unserem Leben gehen können – genau wie sich dies für den Film ergibt, wenn er erst einmal begonnen hat-, doch all diese Möglichkeiten sind im Grunde genommen doch nichts weiter, als Zwischenziele auf einer Etappe, deren finales Ziel letztlich der Tod ist. So pessimistisch dies nun klingen mag, und so wenig, wie wir dies gern hören möchten – der Film macht es uns ja vor: Einen Zweifel gibt es nunmal nicht daran, hallo Tatsache. Dies zeigt uns natürlich nicht erst “Synecdoche New York”, all das wissen wir natürlich schon längst – und wir wissen auch, dass dieser Gedanke uns nicht alle in absolute Lethargie oder schlimmer noch vor die Frage, warum bringen wir uns eigentlich Alle nicht einfach um, geführt hat. Begeht ein Mensch Suizid, stellt sich – vor allem aus psychologischer Sicht – doch stets die Frage, wieso die betreffende Person nicht mehr leben wollte. Ist man sich der menschlichen – und daher mithin endlichen – Existenz jedoch bewusst, sollte doch vielmehr die Fragen sein, wieso leben wir Alle noch? Warum bringen wir uns eigentlich nicht einfach Alle um? Was soll das hier eigentlich? Und die Philosophie – wer sonst – liefert uns doch durchaus brauchbare Antworten, oder sagen wir besser: Ansätze, mit denen jeder für sich die Frage nach dem Sinn des Lebens beantworten kann. Schon Filme, trotz ihrer zeitlichen Begrenztheit zeigen uns ja, wie schön dieses Dazwischen zwischen Anfang und Ende sein kann – und vielmehr noch: Wirklich gute Filme laden uns ja stets dazu ein, sie nochmal, wieder und wieder anzusehen, um darin stets aufs Neue vormals Unentdecktes anzutreffen. Die Philosophie der Wiederholung, welche sich hierin beschreiben lässt, wurde jedoch nicht zuerst für den Film gedacht, sondern vor allen Dingen für das menschliche Dasein.

Sören Kierkegaard und Friedrich Nietzsche sind nur zwei überaus lesenswerte Beispiele, die uns verdeutlichen können, wie man aus dem eigentlichen “Nein” zum Leben zur absoluten Bejahung des selbigen gelangt. Und hier kommt nun “Synecdoche New York” ins Spiel, über den an dieser Stelle nur ein Bruchteil dessen, was in diesem Film steckt, überhaupt gesagt werden kann. Es geht um einen Theaterregisseur, der einen – offenbar vor allem – finanzkräftigen Preis gewinnt, um damit ein großes Stück auf der Bühne zu realisieren. Zunehmend wird klar, dass der Regisseur sein eigenes Leben auf die Bühne bringt. Die Bühne – hier greife ich massiv vorweg – umfasst daher alsbald das ganze Stadtviertel und irgendwann schließlich die ganze Welt: Wir alle sind Statisten – Nein! Wir alle sind die Hauptrolle in unserem eigenen Film…also ist das ganze Leben nur ein Film? Eher nicht, also ist der Film gar nicht so fiktiv und der uns umgebenden Welt doch näher als man meint? Schon eher! Leicht wird es nicht, aber wer würde dies auch denken, wenn Charlie Kaufman mitmacht? Etliche Spiegelungen bestimmen große Teile des Films und lassen diesen alsbald als höchst selbstreflexives Meisterwerk in Erscheinung treten. Selbstreflexiv in Bezug auf den Blick des Films auf seine eigenen Bedinungen; selbstreflexiv aber auch in Bezug auf den Blick des Menschen auf den Menschen. Schließlich tauchen sämtliche Figuren, die hinter der Theaterbühne agieren und am Stück mitwirken zwangsläufig auch auf der Bühne auf – und dort dann eben in der Rolle von Figuren, die hinter der Bühne agieren und dort am Stück mitwirken, welches auf der Bühne gespielt wird…usw. Der Mensch blickt sich selbst an, es kommt zu jener Subjekt-Objekt-Umkehrung – jener Fremdexistenz, die bei Jean Paul Sartre bspw. zu finden ist, die das Wesen der Existentialphilosophie bestimmt. Der Mensch ist schließlich in der Lage, sich (nicht nur) als Subjekt zu erkennen, sondern auch und vor allen Dingen als Objekt sämtlicher Handlungen und Wahrnehmungen der anderen Menschen. Ich bin nicht ich, als Subjekt, sondern ich bin der Andere, das Objekt der anderen Menschen, die nicht ich sind. Somit gelangt man dann zur Erkenntnis des Anderen im eigenen Ich, auch davon handelt “Synecdoche” und am Stärksten wird dies ausgeformt in dem Zusammenspiel von Caden Cotard – dem Regisseur des Theaterstücks – und Sammy Barnathan – dem Schauspieler, der den Regisseur Cotard im Theaterstück spielt.

Sammy ist es, der Caden “schon sein ganzes Leben lang beobachtet” und daher offenbar am Besten geeignet sei, die Rolle von Caden zu spielen. Während Sammy also die ganze Zeit über Caden beobachtet – ein Objekt seiner Wahrnehmung sozusagen studiert, wird er im Theaterstück schließlich zu diesem anderen Menschen, sein Subjekt wird zu jenem Objekt. Caden hingegen sieht nur sich, und wenn er Sammy ansieht, dann erblickt er erneut nur sich selbst. Diese beiden überaus gegensetzlichen Positionen müssen sich in einer dramatischen Situation entladen: Sammy findet zu sich selbst, nachdem er sein ganzes Leben lang nur jemand Anderes gewesen war. Jetzt, im wahrsten Sinne, ganz oben angekommen, vermag er aus dieser existentialistischen Erkenntnissituation nicht die richtigen Schlüsse zu ziehen. Bereit zum “Wille zur Macht” ist er am Ende doch nicht fähig, den Nihilismus, das Nein zum Leben zu überwinden und sucht den Freitod.

I’ve watched you forever, Caden, but you’ve never really looked at anyone other than yourself. So watch me. Watch my heart break. Watch me jump. Watch me learn that after death there’s nothing. There’s no more watching. There’s no more following. No love. Say goodbye to Hazel for me. And say it to yourself, too. None of us has much time. (Sammy zu Caden, kurz vor seinem Selbstmord)

Bei Caden bedingt dies offenbar ein neues Denken: Er erkennt plötzlich sich selbst im Anderen, und damit den Anderen in sich selbst und weiß mit dieser Differenz umzugehen: “Ich bin nicht gesprungen, Sammy!”. Zum ersten mal sieht Caden nicht mehr nur noch nicht selbst…Allmählich beginnt er zu verstehen, wie sein Stück aussehen soll. Er sucht nach jenen Momenten, die würdig sind, ewig wiederzukehren…

Kaufman ist bislang in Erscheinung getreten als Drehbuchautor in den Filmen “Being John Malkovich”, “Human Nature”, “Adaptation” und “Eternal Sunshine of a spotless Mind” (Vergiss mein nicht”) und tritt nun, im Falle von “Synecdoche New York” erstmals auch als Regisseur auf. Und einmal mehr, man denke nur an den genialen “Adaptation”, der den skurrilen “Malkovich”-Film um Einiges übertrifft, schafft es Kaufman, sich irgendwie selbst in den Film, in die Handlung hineinzuschreiben und erzeugt eine Form von Selbstreferenz, deren paradoxe Natur uns nicht selten um den Verstand bringt.

Die Selbstreferenz ist hier natürlich in nahezu unerreichter Form in die Narration einbetoniert: Der Regisseur – gespielt von Philip Seymour Hoffman – entwirft ein Theaterstück, welches das Leben des Regisseurs zeigt, der ein Theaterstück entwirft usw. usw. Zunehmend verschwimmen dabei innerfilmische Realität und die Realität des Theaterstücks. Der Darsteller, der den Regisseur spielt, spricht – innerhalb des Theaterstücks – über Dinge, die der “echte” Regisseur ausserhalb des Theaterstücks niemals gesagt hätte. Und doch – schließlich zeigt das Theaterstück ja das Leben des Regisseurs – haben die Aussagen in der Fiktion des Theaters Auswirkungen auf die innerfilmisch realen Personen hinter den Kulissen des Theaterstücks. Was hier jedoch vielmehr deutlich wird, ist die Verwobenheit von Fiktion und Realität – in einem schwierigen Zugriff geht es also auch um das Verhältnis von Film/Kino und Welt, offenbar ein beliebtes Thema bei Kaufman. Dies ist letztlich bereits im Titel des Films eindeutig angelegt und intendiert: “Synecdoche”. Eine Synekdoche bezeichnet eine rethorische Figur, mit Hilfe dieser ein Wort durch einen Begriff aus dem selben Begriffsfeld ersetzt werden kann. Derartige Figuren tauchen bspw. in Teil-Ganzes-Beziehungen auf, in zeitlichen Beziehungen oder auch in grammatisch-nummerischen Beziehungen. Kaufmann entfernt sich ein Stück weit von den Worten und ersetzt die Wörter der Synekdoche mit Bildern. Sämtliche Bilder seines Films sind gleichsam jene Ersetzungen. Die Theaterschauspieler ersetzen die realen Figuren, ebenso wie die realen Figuren die Theaterschauspieler ersetzen. Daher wird es ja überhaupt erst so schwierig, Realität und Bühnengeschehen auseinanderzuhalten. Erst recht dann, wenn ganz New York zur Bühne geworden ist, oder die Bühne zu New York – das spielt keine Rolle mehr. Fiktion und Realität ersetzen sich und vertauschen ihre Rollen. Wieder stellt sich die Frage, nach der Rolle des Films in der Welt in der er stattfindet – in unserer Welt folglich, denn dort in den Kinos und auf DVD und BluRay findet er statt. Film und Welt – darauf weißt die zeitgenössische Filmphilosophie schließlich unentwegt hin – sind nicht strikt zu trennen, der Film denkt über die Welt nach, ebenso wie die Welt über den Film nachdenkt. Eine Synekdoche, vielleicht…

Denn später, wenn allmählich klar wird, dass es gar nicht um ein Theaterstück geht, denn dieses hat viel zu große Ausmaße angenommen, um jemals vor Publikum gezeigt werden zu können, und daher das Theaterstück der Film selbst ist, jener Film, den wir gerade sehen, erkennen wir auch, dass selbst dieser Film schon viel zu komplex geworden ist, um einfach nur noch Film zu sein. Der Film handelt nicht mehr von einem Theaterstück über ein Leben, der Film handelt nun vom Leben, vom Dasein, vom Sein.

Man könnte nun den Rahmen dieser Seite sprengen und diesen Punkt weiter ausführen. Man könnte aber auch einfach abbrechen und den Film wieder und wieder ansehen, um zu verstehen, was wir hier alle eigentlich machen, leben. Der Regisseur des Theaterstücks hat, bei aller Tragik seines Lebens und seiner Geschichte, die so unendlich traurig zu sein scheint, offenbar aber Eines geschafft: zu leben! Er ist sich treu geblieben, er hat die Tragik des Seins, die Endlichkeit erkannt und – so profan es klingen mag – verstanden, das Beste daraus zu machen, nämlich seinen Traum zu verwirklichen, wenngleich kein Publikum daran teilhaben konnte. Aber auch dies gehört nunmal zum Leben dazu:

Du realisierst, dass Du nichts Besonderes bist, Deine Existenz war ein einziger Kampf, der nun still und leise zu Ende geht. Das ist die Erfahrung, die jeder Mensch machen muss. Jeder Einzelne, die Einzelheiten spielen keine Rolle. Alle sind gleich. [...] Wenn die Menschen, die Dich verehrten, Dich nicht mehr verehren, wenn sie sterben, wenn sie weiterziehen, nachdem Du sie verlassen hast, so wie Dich Deine Schönheit und Deine Jugend verlassen haben. Die Welt wird Dich vergessen, Du erkennst Deine Vergänglichkeit. Und Du verlierst nach und nach Deine Charaktereigenschaften. Und während Du endlich lernst, dass Niemand Dich jemals beachtet hat und dass Niemand Dich jemals beachten könnte, denkst Du nur an das Fahren; von Nirgendwo herkommend, Nirgendwo ankommend – nur fahren. Im Fluss der Zeit. Jetzt bist Du hier, es ist 7.43 Uhr. Jetzt bist Du hier, es ist 7.44 Uhr. Und jetzt bist Du…fort… (Aus dem Film “Synecdoche New York”)

Und dennoch vermag der Film aus den eben zitierten Zeilen nicht zum Nein zum Leben zu kommen, sondern landet im exakten Gegenteil. Dies macht zugleich die merkwürdige Tragik des Films, die gleichsam voller Hoffnung ist, aus. So happy, so sad. Das ist die Ode an das Leben, die Kraft des Films, trotz Nennung all der Sinnlosigkeit, der Hoffnungslosigkeit, der Endlichkeit des Lebens genau darin Unmengen an Sinn, Hoffnung und Freude zu markieren. Das Leben ist schön, die Welt ist schön. Und wenn Film und Welt so eng beieinander liegen, dann muss der Film auch schön sein (mir war dies ja ohnehin immer schon klar!). Daher gilt natürlich auch: “Synecdoche New York” ist schön, oder – wie eingangs schon erwähnt: wunderschön. Der Soundtrack zum Film vermag dabei eben dieses Schwanken zwischen Traurigkeit und unendlicher Freude so wunderbar zum Ausdruck zu bringen, dass das Glanzstück aus dem Film, Jon Brions “OK” hier nicht fehlen darf:

Und natürlich:

James Camerons “Avatar” – Ein Versöhnungsversuch

Als Filmliebhaber – nein: als passionierter Filmliebhaber, oder besser noch: als Cinephiler hat man so seine Probleme mit dem zunehmenden Einsatz von Computern in Filmen. Was dabei herauskommt, kann man in George Lucas langweiligen drei StarWars-Filmen jüngeren Datums sehen, wo es der Einsatz des Computer geschafft hat, nahezu Alles, wofür die frühen StarWars-Filme stehen, zum Verschwinden zu bringen. Wie akut der Einsatz von Computern dann schließlich zum völligen Verschwinden des Films führen kann, sieht man in Michael Bays “Transformers”, denn so schwer es vielleicht auch sein mag, eine eindeutige, allumfassende Definition dessen zu formulieren, was denn nun ein Film sei, so sicher ist doch, dass “Transformers” kein Film im eigentlichen Sinn mehr ist, sondern eine langgezogene Computeranimation – aber eben nicht Film. Nun will man als Filmliebhaber nicht immer mit dem Knüppel alles Neue verjagen und der alten Zeiten verpflichtet sein. Und tatsächlich gibt es ja auch Beispiele, die einen erwachsenen Umgang mit beiden Medien im Verbund – Computer und Film also – versuchen.

Der schönste Einsatz von Computern in Filmen zeigt sich immer dann, wenn man eben diesen Einsatz gar nicht wahrnimmt: Dies vermochte schon Robert Zemeckis in “Forrest Gump” sehr eindrucksvoll zu beweisen, wo den meisten Zuschauern wohl gar nicht bewusst ist, wieviele Bilder hier aus dem digitalen Universum stammen. Noch viel schöner wurde es bei David Finchers inzwischen wohl schon legendärem Dolly-Shot, bei dem zwar klar ist, dass hier ein Computer zum Einsatz kam, der Film jedoch wohldosiert damit umzugehen weiß und das filmisch reale Bild nicht zunehmend verdrängt wird:

Dann gibts aber wieder Regisseure, wie Tarsem Singh, die Filme wie “The Fall” machen, die zwar aussehen, als würde der Computer helfend zur Seite stehen, tatsächlich aber (nahezu fast) Alles ohne digitale Zuarbeit auskommt. Und am Ende bleibt doch bislang stets die Frage, ob der Film den Computer braucht und wenn ja, in welchem Maße? Fluch oder Segen? Eine wirkliche Antwort war bislang nicht möglich. Bislang! James Cameron wagt den Versuch der längst überfälligen Aussöhnung beider Medien, die gern die Hoheit auf der Leinwand für sich allein beanspruchen wollten. Seine Antwort: Die Leinwand ist groß genug, es ist genug Platz für alle da.

Perfekt ist die neue Freundschaft noch nicht, aber es ist ein gigantischer Schritt in die richtige Richtung gemacht. Cameron hat selbst seit Jahren an den erforderlichen Weiterentwicklungen der Software für den Einsatz am/im/beim Film Hand angelegt und “Avatar” ist in diesem Sinne das erste, durchaus beachtenswerte Produkt dieser Arbeit. Ein Problem bleibt: Die Handlung ist nach wie vor dürftig und dies scheint, vor allen Dingen in Hollywood nach wie vor ein großes Problem: Gute Animationen im Film suchen bislang vergeblich nach guten Inhalten. So hat auch “Avatar” durchaus einige, teils gravierende logische Löcher, die selbst durch die wundervollen Bilder nicht vergessen gemacht werden können. Und dennoch: Es wird tatsächlich endlich mal eine durchaus annehmbare Geschichte erzählt, die überdies die Spielzeit von knapp drei Stunden auch tatsächlich benötigt. Damit ist Cameron schon deutlich weiter, als der Großteil seiner Kollegen, die um aktuelle technische Möglichkeiten offenbar nur allzu schnell eine halbgare Handlung herumstümpern.

Doch die Bilder in “Avatar” sind die eigentliche Revolution: In 3-D gedreht macht dieser Film auch nur in ausgewiesenen 3-D-Kinos wirklich Sinn. Alles andere ist in etwa so sinnvoll, wie BluRays auf alten Röhrenfernsehern anzuschauen. Der überwiegende Teil der Bilder entstammt aus dem Computer und – so klar dies wohl auch jedem Betrachter ist – man sieht es den Bildern oftmals nicht mehr an. Der Film, der zum großen Teil im Studio gedreht wurde, vermag dank Computer eine Welt zu zeigen, die alles andere, als digital oder im Studio nachgebaut erscheint. Der Dschungel von Pandora – ein digitales Produkt – wirkt derart real, das man ernsthafte Zweifel an der Aussage Camerons hegt, es tauche keine einzige reale Pflanze im Film auf. Das Dreidimensionale vermag schließlich das Kino, so wie wir Alle es bisher kennen, völlig zu revolutionieren. Die Leinwand wird nicht mehr zur Grenze zwischen unserer Welt und der Welt des Films. Beide Räume verschmelzen miteinander. Was man einstmals als Bewegung der Kamera durch das Filmbild wahrgenommen hat, verschwindet. Stattdessen beginnt der Raum des Films sich selbst zu bewegen, sich vor unseren Augen im wahrsten Sinne des Wortes auszubreiten. Die starre Distanz des Zuschauers zur projizierten Welt ist im Begriff, abgeschwächt zu werden (hier kann natürlich nicht vom Verschwinden die Rede sein, denn eine grundlegende Distanz bleibt doch stets erhalten). Doch die Filmwissenschaft wird ihre Mühe haben, mit den alten Begriffen weiter zu operieren: Was ist denn noch die Tiefenschärfe, die bei Jean Renoir und Orson Welles so gefeiert wird im Vergleich zu “Avatar”? Ein Blick von den “fliegenden Bergen” hinab in die Schluchten von Pandora vermag Tiefe im Bild präsent werden zu lassen, wie sie bislang definitiv noch nicht gezeigt werden konnte. “Avatar” bedingt ein völlig neues Sehen im Kino, vermag völlig neue emotionale Interaktionen hervor zu rufen. Dies alles ist, wie bereits erwähnt, noch nicht mit der nötigen Perfektion auf narrativer Ebene verwoben und dennoch ist “Avatar” als Anfang der erste Schritt in die richtige Richtung.

Interessiert an der neuen Technik, die James Cameron zum Einsatz gebracht hat, waren etliche Kollegen während der Dreharbeiten am Set von “Avatar”: David Fincher zeigte enormes Interesse an der High-Defintion-Fotografie, Steven Spielberg war ebenfalls zu Besuch am “Avatar”-Set und Ridley Scott denkt nach seinem Rundgang durchs “Avatar”-Studio offenbar ernsthaft wieder darüber nach, einen Science-Fiction-Film zu drehen. James Cameron wollte mit “Avatar” die Technologie für das Kino vorantreiben und war dementsprechend über jeden interessierten Kollegen hoch erfreut. Die Besucher am Set lassen dabei durchaus hoffnungsvoll in die Zukunft blicken, darf man bei den genannten Herren einmal mehr auf einen verantwortungsvollen Umgang mit der neuen Technik hoffen. Und die Lösung der narrativen Probleme vermag man hier durchaus auch in greifbarer Nähe sehen…Insbesondere Fincher hat sich bis heute, trotz größerer Produktionen, wie “Benjamin Button” eine gewisse anspruchsvolle Eigenständigkeit im Haifischbecken der Studios bewahrt und gar Großaufträge, wie seiner Zeit “Mission Impossible 3″, dankend abgelehnt!

Zurück zu “Avatar”: Erfolg vorausgesetzt will Cameron eine Fortsetzung nicht ausschließen. Es ist gar von einer Triologie die Rede. Warum nicht? Der Regisseur ist lernfähig und hat schon nach “Terminator” schon einmal bewiesen, wie er mit einer Fortsetzung das Original noch deutlich übertreffen kann (“Terminator 2- Judgement Day”). Und auch Camerons Fortsetzung zu Ridley Scotts ohnehin genialem “Alien” – “Aliens 2 – Die Rückkehr” – ist einmal mehr eine der wenigen Fortsetzung, bei der niemand auf die Idee kommen würde, Sinn und Daseinsberechtigung des zweiten Teils infrage zu stellen. Warum sollte Cameron also kein hervorragender zweiter “Avatar” gelingen? Finanziell spricht schon jetzt Einiges für eine Fortsetzung: 237 Mio US-$ Produktionskosten erscheinen zuweilen schon wieder lächerlich gemessen an den aktuell mehr als 760 Mio US-$ Einnahmen weltweit (Stand: 1.1.2010, Quelle: www.the-numbers.com). Aber bis zum “Titanic”-Erfolg ist es freilich noch ein weiter Weg: Bei dem Film benötigte Cameron “nur” 200 Mio US-$, spülte dem Studio aber mehr als 1.8 Milliarden (!!) US-$ in die Kassen – soviel wie noch kein anderer Film bislang umgesetzt hat!! Und dennoch: Mit dem derzeitigen Einspielergebnis hat es “Avatar” bereits jetzt in die Top 50 der erfolgreichsten Filme aller Zeiten geschafft – und dies nach nur 12 Tagen seit der Premiere am 17.12.09!!!! Läuft die Kinoauswertung weiter derart erfolgreich, rast “Avatar” in der kommenden Woche bereits in die Top 20 der erfolgreichsten Filme aller Zeiten. Das produzierende Studio – 20th Century Fox – ist damit auf dem besten Weg, das derzeit noch erfolgreichste Hollywood-Studio Warner Bros. vom Thron zu stoßen. Es bleibt auch aus finanzieller Sicht durchaus spannend…

Update (8. Januar 2010): “Avatar” ist bislang noch nicht einmal einen Monat in den Kinos weltweit zu sehen, hat es bis heute jedoch bereits auf geradezu unglaubliche Einnahmen von 1.141 Milliarden US-$ gebracht. Damit ist der Film auf der Liste der erfolgreichsten Filme aller Zeiten bereits jetzt – knappe 3 Wochen nach seiner Premiere – auf Platz 2 gelandet. Vor Camerons “Avatar” steht auf dieser Liste als einziger “Konkurrent” nunmehr nur noch Cameron selbst, der 1997 mit “Titanic” für damalige, wie auch für heutige Zeiten unfassbare 1.8 Milliarden US-$ einspielte. Die Liste zeigt zudem, dass “Avatar” also schon jetzt Filme wie “The Dark Knight”, sämtliche “Harry Potters”, den “Herr der Ringe – Die Rückkehr des Königs” oder “Fluch der Karibik” locker hinter sich gelassen hat. Wenn “Avatar” dann schließlich auch irgendwann mal auf DVD und BluRay erscheint – zum Leihen und zum Kaufen, wenn er via VOD, im PayTV und schließlich im Free-TV sein Geld aus dem Rechteverkauf eingespielt hat, dürfte der unerreichte Rekord von “Titanic” wohl die längste Zeit Bestand gehabt haben. Bei dem ungebrochenen Einnahmerekord, der seit Mitte Dezember nunmehr weltweit anhält und das Geschehen an den Kinokassen bestimmt – und überdies der Konkurrenz, also jedem anderen Film inzwischen Kopfschmerzen bereitet, kann allmählich tatsächlich davon ausgegangen werden, dass “Avatar” wohl der erste Film sein könnte, der mehr als 2 Milliarden US-$ einspielen wird…

Paranormal Activity – Filmkritik

So ein richtiger Trend hat sich bis jetzt noch nicht abgezeichnet und dennoch kann ein vermehrtes Aufkommen, vermeintlich pseudo-realer Filmdokumenationen nicht bestritten werden. Viele denken sofort an “Blair Witch Project”, dessen Intention es war, uns alle daran glauben zu lassen, man hätte echtes Filmmaterial von echten Studenten gefunden, die realen Ereignissen in einem Wald nachgehen. Auch wenn letzten Endes niemand daran unbedingt geglaubt hat, der Hype hat funktioniert und den etablierten Marketingprofis in Hollywood damals das Fürchten gelehrt. Denn unheimlicher als der Film selbst war letztlich dessen Erfolg an den Kinokassen – minimaler Aufwand mit maximalem Erfolg, welcher Ökonom träumt nicht davon? Zahlen lesen sich hier besser und man kann sich diese gar nicht oft genug ansehen: 35.000 US-$ hat “Blair…” seiner Zeit gekostet. Dazu hat man sich das Marketing nochmal gut 6.500 US-$ kosten lassen. Heute kann der Film weltweit auf Gesamteinnahmen von mehr als 248 Mio. US-$ blicken!!

Andere Filme, die sich stilistisch ähnlich versuchten, waren nicht unbedingt schlechter, konnten solch ein Ergebnis aber selbstredend kaum mehr toppen. Da wären J.J. Abrams “Cloverfield” ebenso wie der geniale “[REC]” zu nennen. Letzterer war dann sogar so genial, dass man ihm in den USA, sozusagen zeitgleich zur europäischen Kinoauswertung (“REC” ist aus Spanien) ein US-Remake (“Quarantäne”) spendierte. Finanziell blieben die genannten Filme trotz minimalen – oder sagen wir: überschaubareren – Budgets sicherlich hinter den Erwartungen zurück. Nun hat es aber offenbar doch nochmal ein Film geschafft, an “Blair…” zu erinnern und zwar aus inhaltlicher, stilistischer und eben auch und vor allen Dingen aus finanziller Sicht: “Paranormal Activity”.

Eigentlich schon 2007 fertiggestellt, lief er zunächst nur auf einem Festival und später in 12 (!) Städten in den USA in den Mitternachtsvorstellungen. Dies hätte es auch schon sein können, doch der Film sorgte für eine unglaubliche Word-to-Mouth-Propaganda und so war es letztlich das Publikum, das dem Film soviel Aufmerksamkeit zuteil werden ließ, dass auch Hollywood aus seinem selbstsicheren “Profi”-Schlaf mal aufwachen musste. Zunächst bei Miramax auffällig geworden spielte man später Steven Spielberg eine Kopie des Films zu, der sofort bereit war, dem israelischen Regisseur Oren Peli ein größeres Budget für ein Remake zur Verfügung zu stellen. Peli – aufgemerkt! – lehnte aber ab und schlug stattdessen vor, lieber seine Schnittfassung direkt vor großem Publikum zu zeigen. Glücklicherweise ließ sich Spielberg überzeugen und kaufte die Rechte an dem Film. Den 11.000 US-$ Produktionskosten stehen inzwischen mehr als 104 Mio. US-$ an Einnahmen, allein an den US-Kinokassen gegenüber. “Paranormal Activity” ist damit auf dem besten Wege, zum finanziell erfolgreichsten Film aller Zeiten zu werden. Und dies zu Recht!

Über den Inhalt soll hier gar kein Wort verloren werden, nur so viel: Ein junges Paar zieht zusammen und wird nächtlich von merkwürdigen Geräuschen geplagt. Also kauft man eine Kamera, um sich beim Schlafen zu Filmen und zu sehen, was da im Haus vorgeht. Was die Beiden in den folgenden Nächten dann zu sehen bekommen, lässt das Blut in den Adern gefrieren.

Wie schon angemerkt, die Idee erinnert an “Blair…” und man mag dem Film eine gewisse Ideenlosigkeit vorwerfen – dennoch macht er Einiges besser als sein Vorbild. Da wären die Darsteller zu nennen, die natürlich, ganz der Idee des Films verpflichtet, so natürlich wie möglich wirken sollen und daher Laien sind. Teilweise ohne feste Dialoge improvisieren die Beiden perfekt ihr Spiel um die nächtlichen Attacken. Auch “Blair…” versuchte sich an Laien, dort waren diese teilweise doch irgendwann recht nervig. Dann wäre da die Kamera selbst. Da diese hier während der Nachtaufnahmen auf einem Stativ angebracht wird, ist der Film nicht derart überladen mit verwackelten Handkamerabildern, die gerade in “Blair…” doch hin und wieder störend und unangenehm beim Betrachten sind. Und schließlich: Wenn das große Thema die Angst ist, dann platziert “Paranormal…” diese wesentlich greifbarer und beängstigender als “Blair…”. Das Böse ist nicht irgendwo da draußen, wo ich gerade nicht bin und im Dunkeln auch nicht hingehe, es ist hier drin bei mir, in meinem Schlafzimmer, während ich hilflos daliege und schlafe – DAS ist wahrhaft furchteinflösend! Damit ist der Film ganz und gar Sigmund Freud verpflichtet, der “Das Unheimliche” vor allem im Vertrautesten ausmacht. Das Gewöhnliche, Vertraute, Private – kurz das Heim, das Heimliche – verkehrt sich von einer Sekunde auf die Nächste und wird unheimlich. Diesen Terror müssen die beiden Protagonisten und mit ihnen wir Zuschauer durchleiden. Denn die auf dem Stativ montierte Kamera löst sich von jeglicher subjetkiver Perspektive. Sie wird zum Maschinenauge, zum “Monitoring” im Sinne Stanley Cavells, die Alles – wirklich Alles – kommentarlos aufzeichnet. Damit wird zugleich unsere Lust am Zusehen provoziert und befriedigt, wenngleich der Film dann letztlich kaum etwas zeigt. Und doch drückt es uns in den Kinosessel, zaubert eine Gänsehaut auf unserem Körper und lässt uns für einem Moment erstarren.

Endlich wieder ein Horrorfilm, der sein Publikum mitnimmt, Emotionen auslöst! Wann hat man sowas schon erlebt? Der Hype um “Paranormal Activity” ist also tatsächlich wohlbegründet und man nur Jedem raten, sich den Film anzusehen. Eventuell könnte man dann jedoch nachts hin und wieder etwas unruhiger schlafen als bisher. Die Bilder des Films legen sich als Schablone des Unheimlichen vor unsere Augen und führen uns die eigenen Urängste wieder vor. Genau dabei versagt schließlich “Blair Witch Project”, weshalb dieser Film hier eindeutig die bessere Wahl ist.

Pontypool – Schwere Kost für den Kopf

Kanada ist vielleicht nicht unbedingt das Land, welches man als besonders filmisch aktiv bezeichnen würde. Zweifelsohne kommen eine Menge Filme von dort, doch eine “Filmnation” ist Kanada irgendwie nicht. OK, sie haben David Cronenberg und – äähm – ja genau: Bruce McDonald! Nie gehört? Kein Problem. So wird es sicherlich Vielen gehen. Denn irgendwie – schwer nachvollziehbar – hat es McDonald offenbar geschafft, seit den frühen 80er Jahren Filme zu machen, ohne auch nur ansatzweise von der belesenen europäischen Filmkritik bemerkt worden zu sein. Ist ja irgendwie auch eine Leistung, denn die fehlende Aufmerksamkeit hierzulande, lässt sich nicht mit eventuellen Schwächen des Kanadiers begründen. “Pontypool” ist so ein Film, der es nun ganz allmählich schafft, sich durchzusetzen. Ein typischer Kandidat auf Festivals, eher als Programmfüllmasse gedacht, avanciert er urplötzlich und von niemandem vorhergesehen und dementsprechend gehypt, zum Geheimtipp. Fraglich – und allein dies macht “Pontypool” schon so sonderbar und einmalig – bleibt jedoch, für wen dies eigentlich ein Geheimtipp ist? Irgendwie ist es ein Zombiefilm, sogar Blut kommt darin vor – und nichtmal zu knapp. Und doch wird kaum ein Gore-Freund seine Freude an diesem Film haben. Zu kopflastig, schwermütig und verwirrend ist der Plot. Und dennoch: Wer sich darauf einlässt, nicht abschaltet und schön mitdenkt, wird einen fantastischen Film erleben, der trotz seiner abgedrehten Handlung eine unglaublich präzise Beschreibung unserer durch Medien generierten Welt und unserer Wirklichkeit abliefert. Besser ist es jedoch, sich erst den Film anzusehen und dann hier weiterzulesen, ansonsten wird man einige Erfahrungen wohl nicht am eigenen Leib beim Ansehen machen können. Von daher sei dem interessierten Filmfreund nahegelegt, in die nächste Videothek zu gehen, sich den Film anzusehen und dann erst auf diese Webseite zurückzukehren.

Grant ist Radiomoderator in einem kleinen Kaff namens Pontypool. Das tägliche Nachrichtengeschehen ist geprägt durch Nichtigkeiten, wie verschwundene Katzen und Nachbarschaftsstreitereien. Doch an jenem Morgen, als Grant sich ans Mikrofon setzt, wird Alles anders. Der Außenreporter, der eigentlich über das Wetter aus einem Hubschrauber berichtet, der eigentlich ein Dodge ist, ruft aufgeregt im Studio an und schildert live von merkwürdigen Ereignissen innerhalb Pontypools. Ein wütender Mob zieht durch die Strassen und randaliert. Keine einzige Agentur hat von diesem Vorfall bis zu diesem Zeitpunkt etwas über die Ticker geschickt. Selbst im Polizeifunk ist nichts darüber zu hören. Soll Grant an die Aussagen seines Außenreporters glauben und darüber exklusiv und als erster berichten, oder will ihm jemand einen Streich spielen und all das Erzählte ist gar nicht real?

“Pontypool” ist ein Film über Medien, darüber wie Nachrichten funktionieren und wie Medien – die Massenmedien schließlich – einen erheblichen Teil daran haben, Welt und damit Realität zu konstruieren. Schon der Konflikt zu Beginn, als Grant nicht weiß, woran er glauben soll, da nichts über die Nachrichtenagenturen zu erfahren ist, beschreibt eindrucksvoll unsere Welt, die sich nahezu ausschließlich über die Ticker der Agenturen vor unseren Augen und Ohren konstruiert. Eine Tickermeldung scheint realer zu sein, als der Live-Bericht des Reporters vor Ort. Mit diesem Unbehagen wird schließlich auch der Zuschauer allein gelassen. Denn was der Film an dieser Stelle leistet, ist schlichtweg genial. Gleich zu Beginn betritt Grant die Radiostation. Für den gesamten Film werden wir diese Radiostation nicht mehr verlassen. Es gibt keinen Umschnitt nach draussen, zu dem Reporter. Es gibt keinen Blick durch ein Fenster in die Welt da draussen. Selbst als Grant das Studio verlassen will, und man hofft, nun endlich aus dem Gefängnis des Sehens zu entkommen, vermag die Kamera nur Grant in der Tür des Studios zu zeigen. Erneut fehlt der Umschnitt auf die Außenwelt.

So wird man als Zuschauer dieses Films unabdingbar zum Zuhören verdammt. Es ist zwar großartig, wie die drei Hauptdarsteller (neben Grant sind noch zwei Mitarbeiterinnen – Sid und Laurell-Ann – im Studio) auf engstem Raum agieren und niemals Langeweile aufkommt, doch die eigentliche Geschichte, die der Film uns erzählen will, wird tatsächlich nur erzählt – im wahrsten Sinne des Wortes – und nicht gezeigt. Als Zuschauer des Films ist man gebunden an die Berichte des Reporters, an einige Telefonate von Augenzeugen, die sich melden und der “Story”, die Grant live am Mikrofon schließlich daraus macht. Ein Netzwerk von Informationen verknüpft sich und konstruiert Wirklichkeit. Einen Teilnehmer in diesem Netzwerk darf man dabei aber nicht vergessen: den Zuschauer des Films! Denn gerade weil der Film uns nicht zeigt, worüber er spricht, sind wir gezwungen, die Bilder des Films selbst in unser aller Köpfe herzustellen. Unsere Vorstellung – und jeder dürfte ein ganz subjektive, eigene Vorstellung innerhalb dieses Films in seinem Kopf entstehen lassen – arbeitet mit an der Geschichte des Films.

Nicht ohne Grund verweist der Film sehr früh auf Roland Barthes, indem dessen Name direkt benannt wird. Barthes – ein französischer Literaturkritiker, Schriftsteller und Philosoph – der sich sehr mit dem Film, der Photographie und natürlich Texten auseinandersetze, versuchte aufzuzeigen, wie die Herstellung von Wahrheit, Bedeutung und Sinn innerhalb der Sprache – und damit innerhalb jeglicher Texte, wozu nun auch Filme gezählt werden dürfen – in einem Diskurs aller an einem Text beteiligten Personen funktioniert und strukturiert ist. Ein Film als solch ein Text verstanden, gibt dann eben gerade nicht ein für alle mal vor, was er sein soll, von was er handelt, was seine Aussage ist usw. Ein Film gibt bestenfalls Vorschläge, Denkanstöße, Handlungsanweisungen, die durch den Zuschauer jedoch erst noch ausgefüllt werden müssen. Neben dem Regisseur ist der Zuschauer dann mindestens ebenso am “fertigen” Produkt, welches auf der Leinwand zu sehen ist, beteiligt. Und Pontypool führt die Beteiligung des Zuschauers geradezu beispielhaft vor.

Nun wird vielleicht auch deutlich, weshalb ich anfangs davor gewarnt habe, weiter zu lesen, ohne den Film zu kennen. Er beginnt, wie jeder andere Film. Und mit jeder weiteren Minute, die wir gemeinsam mit den Protagonisten im Radiostudio sitzen bleiben, erwartet man, das etwas passiert, wir das Studio verlassen, die Protagonisten nach draussen ziehen, um ihren zwischenzeitlich vermissten Außenreporter zu retten. Unsere filmische Konditionierung, die wir alle dank über 100 Jahren Film längst erworben und verinnerlicht haben, so wie man das Fahrradfahren erlernt und unbewusst ausführen kann, wird dann jedoch mit Füßen getreten. Diese Konditionierung funktioniert nicht mehr. Früher oder später, vielleicht nach 20, 30 oder gar erst nach 40 Minuten dürfte auch dem Letzten klar geworden sein, dass wir das Studio nicht mehr verlassen werden und damit kein einziges Mal einen Blick auf die Geschichte werfen, von der wir die ganze Zeit über hören. Ein Schwindelgefühl macht sich breit, so wie man es beim Aufblasen eines Luftballons erlebt. Unsere unbewusst funktionierende Sehgewohnheite beim Filme schauen, wird ins Bewusstsein geholt und als nicht praktikabel markiert. Der Film ist mit uns in Kontakt getreten und verlangt – sozusagen – ein Reboot des Gehirns. Alles was wir erwarten konnten von diesem Film, wird er nicht erfüllen. Doch was sollen wir dann erwarten? Man weiß es nicht, unser Kopf wird ebenso leer und weiß, wie eine Leindwand ohne Film, und wir müssen langsam anfangen, einen neuen Film darauf zu projizieren.

Und doch – wir gelangen zum medialen Apriori – kommen wir nicht aus der medialen Vermitteltheit heraus. Wir müssen nehmen, was uns – sprachlich – vermittelt gegeben wird. Und so funktioniert schließlich auch unser Bild von der Welt. Wir müssen tagtäglich daran glauben, was uns vermittelt wird. Der Film wählt als plakatives Beispiel Afghanistan. Laurell-Ann war im Krieg in Afghanistan und findet nun ihre Ruhe beim Radio in Pontypool. Man könnte über dieses kleine Detail hinwegsehen, oder aber daran glauben, das dieser Film nichts dem Zufall überlassen hat und jede Kleinigkeit mit Bedacht eingesetzt hat. Das Beispiel Afghanistan führt uns dann nochmal vor Augen, dass dort ein Krieg stattfindet, von dem wir gar nichts wissen, ausser das, was uns in Worten durch die Nachrichtenagenturen darüber mitgeteilt wird. Man muss daran glauben, wir können nicht alle nach Afghanistan und nachsehen, ob es stimmt. Man könnte nun die Bilder des Fernsehens dagegen halten und behaupten, dass wir doch etwas aus Afghanistan zu sehen bekommen. Aber jeder weiß doch eigentlich um die manipulative Kraft der Bilder der Medien. Auch dies führt uns “Pontypool” ja vor Augen. Der Außenreporter, der täglich mit seinem Hubschrauber unterwegs ist, um über das Wetter – quasi direkt vor Ort in der Luft – zu berichten, fährt eigentlich nur mit einem alten Dodge durch die Gegend. Doch die Leute lieben es, daran zu glauben, das die kleine lokale Radiostation tatsächlich einen Mann im Hubschrauber rumfliegen lässt, um Live aus dem Schneegestöber zu berichten. Man darf seinen Augen und Ohren nicht mehr trauen! Wir bleiben hier, unfähig zu sehen, so wie Grant in seinem Radiostudio. Und so ist seine, wie auch unsere Welt zu großen Teilen sprachlich vermittelt und hergestellt.

Darauf will schließlich das Zombiethema im Film hinaus: Die Macht des Wortes. Es kann infizieren, abhängig machen und so abstrus, wie dies im Film mit all den durch bestimmte Wörter infizierten Menschen dargestellt wird, so nah ist dies alles doch an unserem Weltbild dran. Man muss vielleicht die Zombies nur durch religiöse Menschen ersetzen – Am Anfang war das Wort – und heute fruchtet dieses Wort vielerorts auf unserem Planeten in Fanatismus. Italien hat einen ebenso geschickten Machthaber, der seine Macht am Leben erhält, da er sich die Macht des Wortes einverleibt hat…

…viel gäbe es noch zu sagen, aber auch ich bin, ganz im Sinne Barthes, nur ein “sujet impur”, ein unreines Subjekt, gebe nur Denkanstöße als Möglichkeiten vor. In Pontypool kann alles ganz anders gewesen sein, wir wissen es nicht, ich kann dies hier und jetzt auch nicht für jeden Leser dieses Textes entscheiden oder vorgeben, sondern bestenfalls darüber berichten, was ich in diesem Film gesehen habe. Als Zuschauer bin auch ich nur Teil des Ganzen und füge meinen Teil dazu. Vielleicht waren diese Zeilen jedoch interessant genug, um sich selbst einzubringen, in diesen interaktiven Film, der ohne Mitdenken nicht funktionieren wird.

Und weil auch die Wiederholung – als philosophische Kategorie verstanden – Teil von “Pontypool” ist, verwundert es kaum, wenn für das kommende Jahr die Fortsetzung “Pontypool Changes” in den Kinos anlaufen soll. Hoffentlich kennt man dann auch in Europa Bruce McDonald und zumindest diesen Film schon.

Vorsicht vor HD+ und CI+

Aus aktuellem Anlass soll an dieser Stelle ein Hinweis auf aktuelle Pläne zum Start der hochauflösenden Fernsehprogramme der privaten Sender der RTL-Gruppe, sowie der Pro7Sat1-Media Ag erfolgen. Pro7 und Sat.1 waren vor einiger Zeit bereits auch hochauflösend über den Satellit Astra zu empfangen. Mangels entsprechender Verbreitung von HD-fähigen Endgeräten auf Konsumentenseite, wurden die Programme inzwischen jedoch wieder abgeschaltet.

In diesem Jahr sieht dies schon etwas anders aus: Sky hat nach dem Relaunch des ehemaligen Premiere-Angebots derzeit schon sieben HD-Kanäle in seinem Angebot. Und ARD und ZDF sind zur Leichtathletik-WM und aktuell während der IFA mit ihren Hauptprogrammen “Das Erste HD”, “ZDF HD” und “EinsFestival HD” und strahlen jede Menge natives HD-Material aus. Zudem ist arteHD bereits seit längerem im Regelbetrieb. Erwähnt wird dies hier auch, da man so inzwischen auch frei empfangbar Filme in hochauflösender Qualität sehen kann. So lief vor kurzem Woody Allens “Scoop” in HD auf dem ZDF, heute abend kann man “Zusammen ist man weniger allein” auf “EinsFestival HD” bestaunen.

Der Markt hat offenbar an Fahrt aufgenommen, und so passte es gut, dass auch RTL überraschend angekündigt hatte, noch im Herbst im neuen Standard senden zu wollen. Der Preis ist jedoch hoch, den es dafür zu zahlen gilt – so wird der Endnutzer, die Zuschauer also, dafür zur Kasse gebeten. Kurz nach der Ankündigung von RTL folgte auch das Signal aus Unterföhring, Pro7 und Sat.1 ab dem kommenden Jahr wieder in HD ausstrahlen zu wollen. Während dies bei ARD und ZDF kein Problem darstellt, da man auf der inzwischen recht gut verbreiteten HD-Technik der Konsumenten empfangen werden kann, entscheiden sich die Privaten für den Faustschlag mitten ins Gesicht derjenigen, die zuletzt die einzig treibende Kraft in dem ansonsten von Industrie und TV-Anbietern gegenseitig blockierten HD-Markt waren. Man setzt mit HD+ und der dahinter stehenden Verschlüsselungstechnik CI+ auf ein völlig neues Verfahren, was vom Großteil der aktuell in deutschen Haushalten befindlichen HD-Technik nicht unterstützt wird. Die gerade erst angeschaffte Technik müsste im Zweifelsfall durch die neue CI+-taugliche Technik ersetzt werden.

Dies allein ist hier jedoch noch nicht mal das Schlimmste. Viel schwerer wiegen die gravierenden Veränderungen, die damit in der deutschen Fernsehlandschaft einher gehen würden. Die Privaten wollen ihr hochauflösenden Signal fortan verschlüsseln und nur noch gegen ein, wenn auch nur geringes, monatliches Entgelt verkaufen. Auch wenn man es bei RTL und Co. nicht gern so nennen möchte, aber aus Free-TV wird dann zweifelsohne Pay-TV. Ähnliches wurde schon mit der inzwischen gescheiterten Plattform Entavio versucht, mangels Kundeninteresse wurde dieses Projekt aber inzwischen eingestellt. Dies mag dabei dazu ermutigen, einen Boykott von den Konsumenten ausgehend auch dieses Mal zu unterstützen. Denn mit jedem verkauften HD+/CI+-Receiver steigen die Chancen auf den Erfolg des neuen Systems. Dabei gibt es jedoch noch weitaus mehr Gründe, warum die neue Plattform abgelehnt werden sollte, als die Zahlungsforderungen der privaten Sender.

CI+ bedeutet einen massiven Einschnitt in den bisher etablierten, digitalen Luxus, den man sich mit der neuen Fernseh- und Receiverwelt eröffnet hat. Wer einen Receiver mit einer Festplatte zu Aufnahmezwecken besitzt, der nach den Regeln von CI+ betrieben wird, hat alsbald keine Besitzansprüche mehr an seine, ihm rechtlich zugestandenen Privataufnahmen von Fernsehprogrammen. Die Sender können entscheiden, ob die Werbepausen in einem aufgezeichneten Film noch überspult werden dürfen. Und RTL und Pro7Sat1 haben schon angekündigt, davon gern auch Gebrauch zu machen. Stichwort “TimeShift”: Bislang das gern angeprießene Feature neuer Receiver, könnte alsbald so nutzlos werden, wie eine leere Batterie. CI+ macht es möglich Timeshift für bestimmte Sendungen ganz zu verbieten, oder aber nur für eine gewisse Aufnahmezeit zuzulassen. Die Aufnahmen selbst sind zudem keine sichere Kopie für die Ewigkeit mehr. RTL und Co. können dann entscheiden, wie lange die Aufnahme eines Films genutzt werden kann, bspw. nur 48 Stunden, oder aber wie oft man sich den Film ansehen kann, bevor er automatisch wieder gelöscht wird. Schöne Neue Welt.

Nachdem nun heute morgen im ARD Morgenmagazin einmal mehr ein völlig uninformierter “Experte” zu HD+ geraten hat, ist es an der Zeit, so präzise und ausführlich über die mehrheitlich überwiegenden Nachteile von HD+ zu informieren. Denn nicht nur im Fernsehen, auch in den etablierten Großmärkten wird der Lobbyismus alsbald um sich greifen, und man wird nachplaudern, was die Industrie, die Sender und Astra gern über HD+ verbreitet wissen wollen. Der unwissende Kunde, der einfach nur gern hochauflösendes Fernsehen haben möchte, könnte so ungewollt zum unfreiwilligen Unterstützer eines Standards werden, der aus Konsumentensicht keineswegs so gewollt sein kann.

Das Argument, dass die Privaten schließlich ihren Werbekunden auch zukünftig ein attraktives Umfeld bieten müssten und daher das Ansehen der Werbung auf diese Weise garantiert werden könnte, ist dabei schnell zu entkräften. Denn wenn der Konsument, so wie jüngst erst bei Entavio deutlich macht, dass er an diesem Standard kein Interesse hat, dann werden die Privaten bald feststellen müssen, dass es auch der Werbeindustrie nichts nützt, wenn deren Werbung zwar nicht mehr weggespult werden kann, jedoch keine Konsumenten mehr da sind, die die privaten Sender überhaupt empfangen. Es liegt in den Händen des Zuschauers, RTL zu verdeutlichen, dass man sich mit seinem Programm, sollte es verschlüsselt und unter diesen Bedingungen ausgestrahlt werden, bald von seinen 16 % Marktanteil verabschieden kann.

Der folgende Beitrag aus der ZDF Sendung WISO zeigt noch einmal auf, wieso es unbedingt notwendig ist, diesem Zwang der Industrie entschieden durch Nicht-Kauf entgegen zu treten. Das hochauflösende Fernsehen in Deutschland wird darunter nicht leiden, sondern sogar noch gefördert werden.

“Inglorious Basterds” – Inglorious, indeed

Mit Quentin Tarantin ist das ja immer so eine Sache: stark angefangen und daher zwangsläufig umso stärker nachgelassen. Nun will man Tarantino ja nicht bis in alle Ewigkeit an “Pulp Fiction” oder “Jackie Brown” messen, doch was er zuletzt ablieferte, war fast schon unerträglich schlecht, gemessen an dem Talent, was er ja durchaus schon beweisen konnte. “Kill Bill”, eigentlich sowieso nur als ein Film geplant, aus kommerziellen Gründen dann aber zum Doppeltabkassieren auf zwei Teile aufgesplittet, war an Inhaltslosigkeit und Langeweile kaum zu überbieten -wollte man meinen. Doch tatsächlich schaffte “Death Proof” genau dies und war in etwa so aufregend wie “Deutschlands schönste Bahnstrecken” aus dem Nachtprogramm des ZDF, nur das man eben nicht mit dem Zug, sondern mit dem Auto und nicht in Deutschland, sondern in den USA unterwegs war. Insofern könnte man Tarantino eigentlich langsam mal vergessen, oder nicht jeden Film immer schon im Vorfeld ungesehen als den neuen Kultfilm bewerben. Und trotzdem zieht der Name Tarantino nach wie vor, wie ein Magnet, nicht nur die eingefleischten Fans, die sowieso ohne jede Kritik alles von Tarantino lieben, sondern auch alle Anderen ins Kino, um zu sehen, ob da nicht doch noch etwas ist, von jenem Kultregisseur, der Tarantino zweifelsohne einmal war.

Damit soll er ja nicht auf “Pulp Fiction” reduziert werden. Ganz im Gegenteil! Ein Regisseur, wie Tarantino, der sich gerade keinem Genre zuweisen lässt, soll sich ja auch nicht ständig wiederholen. Er soll aber qualitativ daran anknüpfen, was er schonmal zeigen konnte. Und dies schafft Tarantino seit Jahren leider nicht mehr. Wieder muss man sagen, dass der Film handwerklich grandios ist, Tarantino ist und bleibt ein guter Regisseur, hat den richtigen Blick für die besten Einstellungen, versteht es, wundervolle Bilder zu schaffen, weiß mit der Montage gekonnt zu arbeiten. Nur Eines kann er eben leider überhaupt nicht, macht es aber trotzdem andauernd: Drehbücher schreiben. So gern er sich vielleicht in der Rolle sieht, lieber Alles allein zu machen, würde es ihm und seinen Filmen einfach besser stehen, wenn er sich aufs Regie führen beschränkt und das Schreiben jemandem überlässt, der was davon versteht. So verkommt auch “Inglorious Basterds” zur Nummernrevue, die zwar schon deutlich mehr Handlung und narrative Verstrickungen aufweist, als die beiden Vorgängerfilme, vieles von dem Gezeigten jedoch einfach seine Überflüssigkeit nicht verstecken kann.

Fünf Kapitel umfasst der neue, wieder einmal viel zu lang gewordene Tarantino-Film, bei dem vor allen Dingen eines nicht so richtig aufkommen will: Spannung. Das komplette zweite Kapitel kann dabei im Grunde genommen vollständig weggelassen werden, und es würde dem Film tatsächlich eher dienlich sein, als das es ihm fehlen würde. Dabei beginnt alles so hoffnungsvoll: Oberst Hans Landa, grandios genial gespielt von Christoph Waltz, tritt als “Nazijäger” in Erscheinung und verbreitet eine Spannung, die selbst dem Zuschauer im Kinosaal die Kehle zuschnürrt und den Atem stocken lässt. Es ist überdies unglaublich, dass erst ein Quentin Tarantino nach Europa kommen muss, um Waltz aus seinem Schattendasein in “Polzeiruf 110″ und “Tatort” zu befreien, um ihm den Platz auf der Leinwand einzuräumen, der seinem Können gerecht wird. Leider überträgt sich dieses Können nicht auf die übrigen Darsteller, ebensowenig wie die Spannung nicht auf den Rest der Narration überspringt. Zwar kommt genau diese Beklemmung, die einzig und allein dank Waltz durch den gesamten Film getragen wird, immer wieder auf, sobald er auch nur auf der Leinwand auftaucht, die übrige Geschichte ist gegenüber dieser Spannung jedoch leider resistent.

Resistenz ist dabei ein gutes Stichwort, in Bezug auf das schauspielerische Können von Diane Kruger. Es ist schleierhaft, wie jemand, der nun schon mehrfach nachgewiesen hat, nicht schauspielern zu können, immer wieder größere Rollen angeboten bekommt. Die Leistung von Kruger ist in etwa auf DailySoap-Niveau, à la “Gute Zeiten Schlechten Zeiten”, wobei sich der Cast in Deutschlands dienstältester Seifenoper über die Jahre immerhin entwickelt hat und besser geworden ist. Kruger hingegen stapft und quatscht so unbeholfen durchs Bild, das man sich übergeben könnte. Freud und Leid liegen so dicht bei einander. Vielleicht sollte sich Kruger nochmal ansehen, was die sieben Jahre jüngere Mélanie Laurent in “Inglorious Basterds” zu leisten vermag. Im Gegensatz zu Krugers völlig übertriebener und hölzerner Darstellung, die eher einer Selbstinszenierung gleicht, trotzt Laurent nur so vor Authentizität. Sie vermag durch ihr bloßes Auftauchen auf der Leinwand, ohne ein einziges Wort zu sprechen, vielmehr auszusagen, als Kruger mit ihrem unbeholfenen Amateurspiel.

Leider kommt auch Brad Pitt überhaupt nicht an sonst vom ihm gewohnte Qualitäten heran. Sein Charakter wirkt einmal mehr derart überzeichnet und klischeeüberladen, dass hier die Ausrede, dies würde die Rolle so erfordern, nicht gelten darf. Ein Profi, wie Pitt, kann einen Charakter ironisierend überzeichnen, ohne dass dabei ein solch plumpes Auftreten herauskommt, wie in diesem Falle. Da wird Pitt doch glattweg von Tarantinos Regie-Kumpel Eli Roth (“Hostel”; “Cabin Fever”) an die Wand gespielt. Auch sein Charakter muss dem Drehbuch entsprechend überzeichnet sein, Roth schafft dies aber bedeutend besser als Pitt. Vielleicht sollte sich Roth auch mal überlegen, das Regieführen sein zu lassen und zukünftig noch stärker als Schauspieler aufzutreten. Da dürfte wohl noch Einiges zu erwarten sein. Überraschend positiv fällt zudem Daniel Brühl auf, der in seiner Rolle wahrlich aufzugehen scheint. Und es steht ihm sichtlich gut, sich mal nicht in pseudo-intellektuellen deutschen Filmchen unter Wert zu verkaufen, um hier eine seinem Charakter eigentlich durchaus unpassende Rolle zu übernehmen. Schade nur, dass die Person, die Brühl prima umgesetzt hat, aus narrativer Sicht einmal mehr nicht nötig gewesen wäre. Dies ist aber erneut ein Manko am überaus schwachen Drehbuch und soll Brühl keinesfalls zu Lasten gelegt werden.

Man ist nunmehr etwas zwiegespalten, was die Empfehlung für oder wider dieses Films anbelangt. Eigentlich ist er schlussendlich, allein schon wegen Christoph Waltz unbedingt eine Empfehlung wert. Abgesehen davon fehlt es dem Film aber einfach am nötigen Biss, um den Zuschauer über die gesamte Laufzeit bei Laune zu halten. Gerade Waltz´ Darstellung lässt dabei eine Frage aufkommen: Wie gut wäre der Film denn tatsächlich noch, wenn Christoph Waltz nicht mitspielen würde? Und wieviele Leute würden sich den Film überhaupt noch ansehen, wenn Tarantino nicht Regie geführt hätten? Es sind die üblichen Fragen, die in letzter Zeit bei jedem Tarantino-Film gestellt werden und sie sind durchaus berechtigt. Auch wenn ein echter Fan dies nicht wahrhaben will. Aber die Filme würden kaum ein Massenpublikum begeistern und erst Recht wäre “Inglorious Basterds” ohne Waltz kaum noch der Rede wert. Es wäre dann nichts weiter, als ein übertriebener, kaum Ernst zu nehmender Trash-Film, der als Direct-To-Video-Veröffentlichung ein Schattendasein in den unteren Reihen der Videothekenregale fristen würde. “Inglorious Basterds” hat aber zu seinem Glück Chrisoph Waltz und Tarantino. Insofern ist der Regisseur, nach zwei völlig missglückten Filmen, zumindest dieses Mal auf dem Weg der Besserung. Objektiv betrachtet ist “Inglorious Basterds” aber bestensfalls schlechtes Mittelmaß. Müsste man Schulnoten vergeben, bekäme dieser Film eine 3-, und nach allem, was man von Tarantino zuletzt zu sehen bekam, ist dies ein überaus positives Lob an seinen neuen Film. Mehr sollte man aber einfach nicht erwarten und weiter darauf hoffen, dass Tarantino wieder besser wird und sich vielleicht mal dazu entscheiden kann, ein gutes Drehbuch von einem guten Autor zu verfilmen. Das könnte wirklich klappen.

Es war einmal…Kino. Tarsems “The Fall”

“Los Angeles, long, long ago.” Kurz nach dem opulenten, in schwarz-weiß gedrehten Vorspann weist uns Tarsem Singhs (The Cell) neuer Film, der eigentlich schon gar nicht mehr so neu ist, den Weg, den es zu beschreiten gilt: Ein Blick zurück auf das, was einmal Film war, soll uns nun für die Zukunft, die nächsten 117 Minuten zumindest auch dahin wieder zurückführen. Es war einmal das Kino! Und es könnte auch einmal wieder Kino werden. Was man dann in den folgenden knapp zwei Stunden bestaunen darf, mag dem Einen oder Anderen vielleicht langweilig vorkommen. Hier ist nichts, oder sagen wir fast nichts, mit dem Computer gemacht worden: echte Schauplätze anstatt Studiokullissen, echte Menschen als Schauspieler anstatt etablierter Schauspieler, die sich selbst darstellen, Bilder und Emotionen anstatt Action und Worte.

Bereits 2006 fertiggestellt, hatte der Film zu diesem Zeitpunkt bereits vier Jahre Entstehungszeit hinter sich, was vor allen Dingen auch daran lag, da man an unzähligen Originalschauplätzen, überall auf der Welt gedreht hatte und dies nun einmal Zeit benötigt. Herausgekommen sind dabei Bilder, die den Gang ins Kino schon Wert sind. Hierzulande weiß man aber nichts von der Kraft des Kinos, die einstmals von dort ausging. So darf man sich immerhin noch glücklich schätzen, dass es der Film jetzt, drei Jahre später, auf BluRay und DVD geschafft hat. Kein Ersatz für die große Leinwand, aber immerhin eine Veröffentlichung. Eine Veröffentlichung aber auch, die einmal mehr untergehen und kaum wahrgenommen werden wird, da das heutige Publikum schon zu sehr darauf eingestellt ist, mit dem kühlen, emotionslosen animierten Blech und völlig überladenen Kitsch-Universen à la George Lucas mitzufiebern. Mit echten Bildern und Gefühlen können die Meisten schon nichts mehr anfangen.

Wir befinden uns in einem Krankenhaus in Los Angeles, kurz nach der Geburt des Kinos und dessen weltweiter Verbreitung. Ans Bett gefesselt lernt man so den Stuntman Roy kennen, der nach einem Unfall gelähmt ist und sich nichts so sehr wie den eigenen Tod wünscht. Da taucht die kleine Alexandria auf, die faszniert ist von Roys Geschichten und ihm stundenlang am Bett zuhört. Roy sieht seine große Chance gekommen und verlangt als Lohn für seine Geschichte, dass Alexandria ihm Morphium besorgt. Sie kommt, unwissend, was Roy eigentlich vor hat, dem Wunsch nach, holt jedoch zu wenige Tabletten…

Diese Geschichte, die ausschließlich im Krankenhaus stattfindet, wird dabei immer wieder unterbrochen, von der farbenfrohen Bilderwelt, welche Alexandria aus den Geschichten von Roy in ihrem Kopf entstehen lässt. Es ist Alexandrias Naivität und ihre kindliche Unschuld, die die Geschichte von Roy selbst immer wieder prägen und Einfluss darauf nehmen. Doch Roy gibt nicht auf und lässt seinen Missmut immer wieder einfließen. Spätestens dann, wenn er betrunken oder unter dem Einfluss von Tabletten ist, hat Alexandria keinen Einfluss mehr auf “ihre” Geschichte und wird mitgezogen in ihre und Roys Welt voller Gewalt und blindem Hass.

Tarsems “The Fall” erzählt aber nicht nur diese Geschichte, der Film selbst erzählt auch noch eine ganz andere Geschichte, die Geschichte des Films, wenn man so will. Die Wechselbeziehung zwischen Alexandria und Roy spiegelt die Filmwelt mit all ihren Schönheiten und Grausamkeiten wieder. Roy ist der Regisseur, Opfer des Studiosystems, er will seinen Film erzählen, wie er gern will, wird durch die Filmindustrie jedoch zum Grüppel gemacht. Unfähig sich zu bewegen, ist er den Launen der Produzenten und Studios hilflos ausgeliefert. Alexandria steht in Teilen für dieses Studiosystem in Hollywood: naiv und oftmals nicht in der Lage zu begreifen, mit welcher Symbolkraft ein geschickter Regisseur (wie Roy) arbeiten könnte, wenn man ihn nur lassen würde. Immer wieder platzt Alexandria, wie auch die großen Studios in den Entstehungsprozess der Geschichte hinein und bittet um Veränderungen. Roys Geschichte wird allmählich zur Geschichte von Alexandria. Jeder Regisseur, der sich mit den großen Studios einlässt, wird ein Liedchen davon singen können.

Roy ist jedoch ein Meister der Verschleierung, ein echter Regisseur eben. Wenn Tarsem im zugehörigen Booklet zur BluRay von “The Fall” beschreibt, wie man den Studios in Hollywood eine Geschichte verkaufen muss, dann wird Roys Rolle umso deutlicher: “Wenn man einem Hollywood-Studio eine Filmstory anbietet, verrät man den Leuten dort nie, wie man diese Geschichte tatsächlich erzählen will. Man bietet stattdessen die Story so an, wie man glaubt, dass die Studiobosse sie hören wollen. [...] Man versucht, ihr Interesse aufrecht zu erhalten und beobachtet ihre Reaktionen. Wenn sie anfangen, auf die Uhr zu schauen, fügt man schnell eine Portion Action oder Sex hinzu.” [1]

Roy versteht es genau auf diese Art, sein Studio (Alexandria) bei Laune zu halten. Und er schafft es ganz nebenbei die eigentliche Geschichte, die er erzählen will, geheim zu halten: seinen Versuch, sich selbst umzubringen, der sich hinter dem epischen Märchen, welches Alexandria sieht, versteckt. Man mag sich dabei verlieren können in den einmaligen, auf der Leinwand so sicherlich noch nicht gesehenen Bildern. Hier offenbart Tarsem nicht nur sein Talent, Bilder zu entwerfen, sondern zugleich auch die Kraft des Kinos wieder aufleben zu lassen – jene Kraft die das Kino immer schon besaß, sie jedoch nicht mehr zu nutzen weiß, da es schlichtweg einfacher geworden ist, Alles am Computer zu machen, als vor die Tür zu gehen und die Schönheit dieser Welt auszunutzen. Maschine essen Seele auf. Dafür steht das kommerzielle Kino unserer Zeit. Und ehrlich gesagt: Abgesehen von ihrer technischen Perfektion haben die Bilder des Kinos doch jeglichen Reiz verloren. Kino wird immer mehr zum Videospiel, wohl auch, da Filme die Einnahmequellen auf nachgelagerten Märkten für PS3 und XBox vorbereiten sollen. Einen Film gucken ist dann aber etwa so spannend, wie einem Freund beim Videospiel zugucken zu müssen. Auch dies vermag Tarsem zu thematisieren.

Zweifelsohne sind es gewaltige Bilder, die es da zu bestaunen gibt, doch die Handlung in diesen Bildern, die immerhin echt und nicht digital gemacht sind, ist eher dürftig, vermag niemanden wirklich mitzuziehen. Doch die Episoden im Krankenhaus wirken gerade wegen ihrer bildlichen Leere umso ergreifender. Tarsem kombiniert die Bilderpracht der einen Welt mit den Gefühlen der anderen, innerfilmisch echten Welt. Man muss sich schon darauf einlassen, um das Schockierende in diesem Krankenhaus mitzuerleben. Aber dies ist leider eine Eigenschaft, die dem breiten Kinopublikum durch Michael Bay und anderen Mörder des Kinos, geraubt wurde. Wenn Roy die Tabletten nimmt, kann es den fähigen Filmzuschauer nicht unberührt lassen. Immerhin nimmt er in diesem Moment, glaubend genügend Tabletten genommen zu haben, Abschied von Alexandria, die in ihrer Naivität natürlich nicht mitbekommen hat, dass sie gerade aktive Sterbehilfe geleistet hat – was für eine dramatische, emotional wuchtige Szene!! Der emotionalste Moment ist dann gegen Ende zugleich auch der bildschwächste: Alexandria liegt verletzt auf dem Krankenbett und wird von Roy besucht. Dieser hat offenbar erkannt, was er da von dem kleinen fünfjährigen Mädchen verlangt hat und diese beim Versuch, Tabletten zu stehlen, selbst fast umgekommen wäre. In tiefer Reue entwickelt er Mitgefühl für dieses Kind und schließlich so etwas wie Verantwortung. Sein Leben bekommt allmählich wieder einen Sinn. So beenden beide, Alexandria und Roy, unter Tränen vor Trauer und Glück nun endlich ihre Geschichte mit einem Ende, welches sie zusammen entworfen haben. Regisseur und Studioboss haben zueinander gefunden – ein Hoffnungsschimmer!

Tarsem legt aber nochmal nach: Nach den prachtvollen Bildern, kommen noch viel prachtvollere. Ein Zusammenschnitt alter Stummfilmaufnahmen mit wagemutigen Stuntszenen zeigt uns allen, wie einfach und wie schön das Kino einmal war, als noch alles wirklich gemacht und nichts der Maschine überlassen wurde. Hier sieht man Bilder, bei denen man den Atem anhält, man zusammenzuckt, man erstaunt und überrascht ist. Ein Film wie “Transformers”, bei dem immer schon klar ist, dass Alles nur virtuell am Computer existiert, kann man auf diese Art und Weise einfach nicht mehr mitfiebern. Das Spektakel verkommt zur Langeweile. Und vielmehr noch, als diese oder jene Computeranimation uns vielleicht dazu verleiten mag zu fragen, wie man dies wohl gemacht hat, zeigen doch gerade diese letzten Stummfilm-Minuten in Tarsems “The Fall”, wie schwierig richtiges Kino sein kann. Insofern macht man es sich mit dem Computer doch ziemlich einfach und bereitet der kreativen Kraft des Films ein jähes Ende.

“The Fall” ist der hoffnungsvolle Rückblick, der zugleich auch nach vorne blickend verstanden werden sollte.
Eine Kinoauswertung in Deutschland kann nunmehr nicht mehr bestaunt werden. Zur Veröffentlichung für das Heimkino gibt es derzeit ein preislich attraktives Mediabook von Capelight. Enthalten ist darin ein 24-seitiges Booklet, eine DVD mit jeder Menge Bonusmaterial, der Hauptfilm auf DVD und eine etwas längere Fassung des Films auf BluRay. Das Mediabook ist beispielsweise bei AMAZON für 23,99 EUR zu haben.

[1] Zitat aus dem Mediabook von “The Fall”, Capelight, 2009, Art.Nr. 6408660