ABC strahlt aktuell die definitiv letzte Staffel der Serie “Lost” aus, welche weltweit für einiges Aufsehen und Interesse sorgte. Nicht umsonst gibt es ein eigenes Lostpedia-Lexikon, welches in unzähligen Sprachen verfügbar ist und eine leise Vorahnung davon gibt, welch enormes Interesse diese Serie generiert hat. Aber leider, dass dürfte einer Serie wie Lost, die sich nur allzu ausführlich mit philosophischen Fragen der Zeit befasst, auch klar sein, ist irgendwann auch mal das Ende nah. Und dieses Ende ist nun eben nach 6 Staffeln erreicht, wenngleich das Ende nur auf den Anfang verweist und “Lost” ohnehin stets deutlich gemacht hat, dass diese Serie wieder und wieder angesehen werden möchte um daher, in der Wiederholung stets das Neue sichtbar werden zu lassen.
Der US-Haussender – ABC – will sich aber verständlicherweise nicht auf Ruhm, Geld und Ansehen, welches Lost eingebracht hat, ausruhen, und schickt, noch während der letzten Lost-Staffel schon die nächste Mystery-Serie ins Rennen, welche seit dieser Woche, auf ProSieben natürlich, auch hierzulande zu sehen ist. Die Rede ist von “Flash Forward”. Zugegeben, qualitativ kann die Serie derzeit, insbesondere was Charaktere und Dialoge anbelangt, noch nicht mit “Lost” mithalten, möglicherweise entwickelt sich dies aber noch. Immerhin stehen mit Brannon Braga, dem Produzenten der Echtzeitthriller-Serie “24″ und David S. Goyer, dem Writer von “The Dark Knight”, “Batman Begins” oder dem schon etwas älteren, aber sehr sehenswerten “Dark City”, zwei durchaus namenhafte, etablierte Größen hinter dem Projekt aus den ABC-Studio-Productions. Und für wahre “Lost”-Fans gibts mit Sonya Walger (Penny Widmore) immerhin ein bekanntes Gesicht von der Insel zu sehen.
Der Plot ist relativ schnell erläutert. Überall auf der Welt erleiden die Menschen am 8. Oktober 2009 um 11 Uhr Ortszeit (Los Angeles) einen Blackout, welcher exakt 137 Sekunden andauert. Sie fallen dabei jedoch nicht einfach nur in Ohnmacht, sondern erleben in eben jenen 137 Sekunden die Zukunft – genau genommen den 29. April 2010. Im Mittelpunkt der Handlung steht dabei ein FBI-Büro in L.A., welches die Hintergründe und Ursachen dieses Blackouts herausfinden möchte. Schon bald glaubt man dabei nicht mehr einfach nur ein ein unerklärliches, aber natürliches Phänomen, sondern vermutet eine geplante Tat hinter dem Blackout.
Überaus positiv fällt auf, dass die Serie gleich von Beginn an konsequent eine düstere und beängstigende Atmosphäre aufbaut. Der Blick in die Zukunft ist nicht, wie so oft, Ursprung für Glück, Erfolg und Ruhm. Es geht nicht darum, Lottozahlen und Aktienkurse aus der Zukunft zu kennen und daher reich zu werden. Es geht nicht darum, zukünftige Verbrechen zu vereiteln. Stattdessen regiert das Chaos. Die Welt ist im Ausnahmezustand. Dutzende Tote sind zu beklagen, da Flugzeuge unkontrolliert während des Blackouts abstürzten oder der Strassenverkehr massenhaft zum Erliegen kam und weitere Opfer zu beklagen hat. Schnelle Hilfe und Rettung ist nicht zu erwarten, da jeder – auch die Polizei, die Feuerwehr und sämtliche Ärzte in den Krankenhäuser mit sich selbst und den Problemen vor Ort schon genug zu tun haben. Und schon bald stellen sich mehr und mehr Menschen die Frage, was man eigentlich nun davon hat, die Zukunft, zumindest diesen einen Tag am 29. April 2010 schon zu kennen. Fluch oder Segen? Während der eine Mann erfährt, dass seine in Afghanistan gefallene Tochter tatsächlich noch am Leben zu sein scheint, muss ein Anderer mit ansehen, wie seine Ehe zugrunde geht. Während der eine sich wünscht, dass seine Sicht in die Zukunft unbedingt in Erfüllung gehen sollte, will der Andere seine Zukunft in jedem Falle ändern.
Wenn man sich, wie hier, derart mit dem Phänomen der Zeit auseinandersetzt, muss man zwangsläufig in Paradoxien landen. Dies ist aber, vergleichbar zu “Lost”, die eigentliche Stärke der Serie, welche seine Zuschauer permanent zum Mitdenken animiert und nicht nur unterhalten will. Der FBI-Agent Mark Benford sieht in der Zukunft, wie der Blackout von ihm untersucht wird. Daraufhin beginnt er, angetrieben durch seinen Vorgesetzen, die Ermittlungen schon jetzt, am 8. Oktober aufzunehmen. Gibt es die Ermittlungen also nur, weil er gesehen hat, dass er eben jene Ermittlungen in der Zukunft leiten wird? Aus dieser Schleife gibt es kein logisches Entkommen! Stück für Stück beginnt er, und mit ihm wir, das Mosaik aus verschiedenen Zukunftsvisionen von so vielen Menschen wie nur möglich, zusammenzusetzen.
Als geübter “Lost”-Zuschauer gibt es dabei natürlich allerhand zu entdecken. Gleich die erste Episode enthält augenzwinkernde Verweise auf “Lost”: In einer Szene observiert Mark mit seinem Kollegen ein paar Verdächtige. Im Hintergrund erkennt man eine Reklametafel für die Airline “Oceanic”, jene Fluglinie,die uns seit sechs Jahren mit “Lost” begleitet.

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An anderer Stelle läuft Mark durch die Strassen von L.A., bei genauem Hinsehen erkennt man im Hintergrund einen Bus, welcher für “Lost” wirbt. Zumindest sind die beiden sichtbaren Buchstaben “s” und “t” nicht zu verkennen.
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Auch fernab solcher “Insider-Gags” darf man wachsam bleiben, ganz so, wie man es bei “Lost” gelernt hat: Verweise auf die Zeit sind allgegenwärtig. So ist unverkennbar das Wort “timeless” auf der Zeitung, die Mark während einer Observierung liest, ins Bild gesetzt.

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An anderer Stelle erkennt man in Hintergrund, dass in einem Theater aktuell “The Tale Of Attaf” gespielt wird, ein Kapitel aus “One Thousand and One Nights”. Das Kapitel handelt von einer “self-fulfilling prophecy”. Ohne jeden Zweifel wird hier schon eine Aussage zur gesamten Thematik innerhalb von “Flash Forward” getroffen.

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Die Zukunft wird als Erinnerung wahrgenommen. Man erinnert sich an Etwas, was erst noch passieren wird, behandelt das Gesehene aber zunehmend auch schon als etwas Vergangenes, das nun Reaktionen in der Gegenwart zeitigt, die doch ihrem Grunde nach irrational sind, da niemand wirklich sicher sagen kann, ob der 29. April tatsächlich so ablaufen wird, es sei denn, man verhält sich nun genau danach. Ereignet sich die Zukunft am 29. April also tatsächlich so, weil dies ohnehin der Lauf der Dinge gewesen wäre, oder ereignet sich jener Tag so, da er vorab in einer Prophezeihung auf diese spezifische Weise “erlebt” wurde? Mark verhilft letztlich der Vision dazu, real zu werden. Denn er startet jetzt jene Ermittlungen, welche er gemäß seiner Vision sechs Monate später führen wird. Ohne die Vision hätte er die Ermittlungen am 8. Oktober 2009 nicht aufgenommen und sie wären vielleicht nie aufgenommen worden – self-fulfilling prophecy.
Immerhin darf man nun, nach dem baldigen Ende von “Lost” froh sein, einen offenbar würdigen Ersatz von ABC bekommen zu haben – eine Serie nämlich, die unser Mitdenken voraussetzt, statt es, wie beispielsweise bei “Alarm für Cobra 11″ wissentlich und vorsätzlich auszuschalten – oder um in der Sprache der Bilder zu bleiben, wegzusprengen. Übrigens: Das FlashForward-Wiki hat seine Arbeit natürlich schon aufgenommen. Aber Vorsicht: Hier besteht akute Spoiler-Gefahr!