Wir hätten möglicherweise weitaus weniger Probleme, wenn wir nur endlich mal anfangen würden, wieder das Gehirn beim Konsum von Medien einzuschalten. Zugegeben: Fernsehen und Zeitungen hätten damit natürlich umso größere Probleme, ist das Ansehen von RTL oder das Lesen der Bildzeitung bei bewusster gleichzeitiger Benutzung des Hirns und sämtlicher zur Verfügung stehender geistiger Fähigkeiten doch inzwischen eigentlich nicht mehr vorstellbar. Genau hierbei offenbart sich jedoch das Dilemma und die Sorge der Wenigen, die noch beherzt die Existenz ihres Kopfes zur Kenntnis genommen haben und diesen hier und da auch mal einzusetzen versuchen – sie haben ein schweres Leben. Denn die Medien haben ganze Arbeit geleistet, ihren Nutzern in all den Jahren beizubringen, jegliche geistige Aktivität nach Möglichkeit zu unterlassen – nur so kann man heute das Senden und Drucken von Informationen (die keine sind) dem Publikum gegen Geld auch noch verkaufen.
Da lese ich gerade wieder, in einer aktuellen Meldung von den enttäuschenden Zahlen von Google. Im ersten Quartal des Jahres 2011 hat Google nach Abzug aller Kosten und Steuern einen Gewinn (!!) von 1,6 Milliarden EUR gemacht, also 1600 Millionen EUR!! Dies bedeutet zugleich eine Steigerung zum Vorjahresquartal von 18 Prozent. Google verdient in nur drei Monaten 1600 Millionen EUR, Geld das übrig ist, schließlich reden wir von Gewinn. Doch die Analysten sind enttäuscht, die BWL-Juppies haben mit mehr gerechnet. Diese Meldung, nicht vom Gewinn, sondern von den enttäuschten Analysten, geht um den Globus und die Aktie des Konzerns sinkt. Vielleicht bin ich auch zu altmodisch, zu romantisch, ich verstehe einen Gewinn, noch dazu einen derart großen als eine äußerst erfreuliche Nachricht. Die Medien käuen dagegen das jämmerliche, realitätsferne Geblabber der 21-jährigen Schnösel an den Börsen nach und Google kommt, nicht dramatisch aber trotzdem, unter die Räder. Es ist also nicht gut für Google, so schlechte Geschäfte zu machen. Und der Medienkonsument nimmt alles mit seiner ihm angelernten Fähigkeit zur Teilnahmslosigkeit so hin und frisst noch ein paar Chips.
Google ist zu weit weg – mag sein, aber jeder sollte doch mal versuchen, die Nachrichten, die jeden Tag so im Fernsehen und in den großen Schlagzeilen zu lesen sind, kurz zu überdenken. Nicht bloß zuhören, auch mal ganz kurz, vielleicht schon direkt nach der Überschrift das eben Wahrgenommene zu hinterfragen, überlegen, was dieser eine Satz inhaltlich gerade aussagt. Vor Jahren gab es eine neue EU-Vorgabe für den Bau von Autos mit verringertem CO2-Ausstoß. Kurz darauf trat der Pressesprecher der Automobilindustrie Deutschlands vor die Kameras und sagte, wenn diese Pläne umgesetzt werden, kostet das die Autoindustrie 65000 Arbeitsplätze. Mutti und Vati gucken es auf RTL Aktuell und sagen: Blöde EU, die machen uns kaputt, sowas wollen wir nicht. Sollten sie sich nicht vielmehr fragen, was das Bauen von umweltfreundlichen Autos mit Arbeitsplätzen zu tun hat. Vielleicht, so vermutet es in diesem Zusammenhang Volker Pispers, will der Deutsche solche Autos nicht kaufen, getreu dem Motto: “Also wenn da hinten kein Dreck mehr raus kommt, dann fahr´ ich nicht mehr.”
Es sei an dieser Stelle eindringlichst jedem, der es bislang noch nicht getan hat, das Programm “Bis neulich” von Volker Pispers, dem letzten Grund zur Hoffnung in diesem Land, ans Herz gelegt. Lustig ists, wenn er unsere Kultur beobachtet und humorvoll zusammenfasst, in was für einer deformierten und degenerierten Gesellschaft wir eigentlich leben. Er erklärt die Dinge so, dass auch diejenigen, die schon nicht mehr denken können, denen Politik zu hoch ist und daher alles glauben und so hinnehmen, was im Fernsehen darüber erzählt wird, sie verstehen können. Und letztlich, dies ist insbesondere für einen erwachsenen Umgang mit Medien von Interesse, sind die Themen auch stets reflexive Betrachtungen der Methodik der Massenmedien. Ein Abend mit RTL Aktuell und dem stets betroffen und übertrieben ernst guckenden Anchor Peter Klöppel könnte dann plötzlich wieder sehr unterhaltsam und heiter sein. Wer insbesondere die RTL Abendnachrichten in einem gesunden und bewussten Zustand ansieht, braucht eigentlich keinen Volker Pispers mehr, Nachrichten auf RTL sind schon Kabarett genug. Bis wir alle jedoch soweit sind – und ich gebe die Hoffnung nicht auf, denn scheinbar werden es immer mehr die der Stimme unseres Landes, Volker Pispers, folgen (Auftritte von ihm sind bereits teilweise bis November 2011 ausverkauft), sollten wir uns die Zeit nehmen, Privatfernsehen zu meiden und lieber Pispers gucken. Wer es schafft, Karten zu bekommen, soll seine Chance nutzen. Alle anderen sind auf 3sat gut beraten oder besorgen sich umgehend die DVD “Bis neulich” im gut sortierten Fachgeschäft. Zur Überbrückung gibts ein paar Ausschnitte zum hungrig werden gleich hier. In jedem dieser Beiträge kommt die Sinnlosigkeit unserer Gesellschaft zum Ausdruck, so sinnlos, das man schon wieder darüber lachen kann – wäre da nicht das Unbehagen, dass dies genau die Probleme sind, die uns Deutsche so beschäftigen und/oder maßgeblich unser Leben bestimmen. Und neben all diesen Problemchen wird zugleich auch deutlich, wie wir all dies – wie schon gesagt – widerspruchslos und ohne jegliche Kritik über die Massenmedien absorbieren und vergleichbar mit religiösen Leitmotiven verinnerlichen. Wo leben wir denn eigentlich…