Es war einmal…Kino. Tarsems “The Fall”

“Los Angeles, long, long ago.” Kurz nach dem opulenten, in schwarz-weiß gedrehten Vorspann weist uns Tarsem Singhs (The Cell) neuer Film, der eigentlich schon gar nicht mehr so neu ist, den Weg, den es zu beschreiten gilt: Ein Blick zurück auf das, was einmal Film war, soll uns nun für die Zukunft, die nächsten 117 Minuten zumindest auch dahin wieder zurückführen. Es war einmal das Kino! Und es könnte auch einmal wieder Kino werden. Was man dann in den folgenden knapp zwei Stunden bestaunen darf, mag dem Einen oder Anderen vielleicht langweilig vorkommen. Hier ist nichts, oder sagen wir fast nichts, mit dem Computer gemacht worden: echte Schauplätze anstatt Studiokullissen, echte Menschen als Schauspieler anstatt etablierter Schauspieler, die sich selbst darstellen, Bilder und Emotionen anstatt Action und Worte.

Bereits 2006 fertiggestellt, hatte der Film zu diesem Zeitpunkt bereits vier Jahre Entstehungszeit hinter sich, was vor allen Dingen auch daran lag, da man an unzähligen Originalschauplätzen, überall auf der Welt gedreht hatte und dies nun einmal Zeit benötigt. Herausgekommen sind dabei Bilder, die den Gang ins Kino schon Wert sind. Hierzulande weiß man aber nichts von der Kraft des Kinos, die einstmals von dort ausging. So darf man sich immerhin noch glücklich schätzen, dass es der Film jetzt, drei Jahre später, auf BluRay und DVD geschafft hat. Kein Ersatz für die große Leinwand, aber immerhin eine Veröffentlichung. Eine Veröffentlichung aber auch, die einmal mehr untergehen und kaum wahrgenommen werden wird, da das heutige Publikum schon zu sehr darauf eingestellt ist, mit dem kühlen, emotionslosen animierten Blech und völlig überladenen Kitsch-Universen à la George Lucas mitzufiebern. Mit echten Bildern und Gefühlen können die Meisten schon nichts mehr anfangen.

Wir befinden uns in einem Krankenhaus in Los Angeles, kurz nach der Geburt des Kinos und dessen weltweiter Verbreitung. Ans Bett gefesselt lernt man so den Stuntman Roy kennen, der nach einem Unfall gelähmt ist und sich nichts so sehr wie den eigenen Tod wünscht. Da taucht die kleine Alexandria auf, die faszniert ist von Roys Geschichten und ihm stundenlang am Bett zuhört. Roy sieht seine große Chance gekommen und verlangt als Lohn für seine Geschichte, dass Alexandria ihm Morphium besorgt. Sie kommt, unwissend, was Roy eigentlich vor hat, dem Wunsch nach, holt jedoch zu wenige Tabletten…

Diese Geschichte, die ausschließlich im Krankenhaus stattfindet, wird dabei immer wieder unterbrochen, von der farbenfrohen Bilderwelt, welche Alexandria aus den Geschichten von Roy in ihrem Kopf entstehen lässt. Es ist Alexandrias Naivität und ihre kindliche Unschuld, die die Geschichte von Roy selbst immer wieder prägen und Einfluss darauf nehmen. Doch Roy gibt nicht auf und lässt seinen Missmut immer wieder einfließen. Spätestens dann, wenn er betrunken oder unter dem Einfluss von Tabletten ist, hat Alexandria keinen Einfluss mehr auf “ihre” Geschichte und wird mitgezogen in ihre und Roys Welt voller Gewalt und blindem Hass.

Tarsems “The Fall” erzählt aber nicht nur diese Geschichte, der Film selbst erzählt auch noch eine ganz andere Geschichte, die Geschichte des Films, wenn man so will. Die Wechselbeziehung zwischen Alexandria und Roy spiegelt die Filmwelt mit all ihren Schönheiten und Grausamkeiten wieder. Roy ist der Regisseur, Opfer des Studiosystems, er will seinen Film erzählen, wie er gern will, wird durch die Filmindustrie jedoch zum Grüppel gemacht. Unfähig sich zu bewegen, ist er den Launen der Produzenten und Studios hilflos ausgeliefert. Alexandria steht in Teilen für dieses Studiosystem in Hollywood: naiv und oftmals nicht in der Lage zu begreifen, mit welcher Symbolkraft ein geschickter Regisseur (wie Roy) arbeiten könnte, wenn man ihn nur lassen würde. Immer wieder platzt Alexandria, wie auch die großen Studios in den Entstehungsprozess der Geschichte hinein und bittet um Veränderungen. Roys Geschichte wird allmählich zur Geschichte von Alexandria. Jeder Regisseur, der sich mit den großen Studios einlässt, wird ein Liedchen davon singen können.

Roy ist jedoch ein Meister der Verschleierung, ein echter Regisseur eben. Wenn Tarsem im zugehörigen Booklet zur BluRay von “The Fall” beschreibt, wie man den Studios in Hollywood eine Geschichte verkaufen muss, dann wird Roys Rolle umso deutlicher: “Wenn man einem Hollywood-Studio eine Filmstory anbietet, verrät man den Leuten dort nie, wie man diese Geschichte tatsächlich erzählen will. Man bietet stattdessen die Story so an, wie man glaubt, dass die Studiobosse sie hören wollen. [...] Man versucht, ihr Interesse aufrecht zu erhalten und beobachtet ihre Reaktionen. Wenn sie anfangen, auf die Uhr zu schauen, fügt man schnell eine Portion Action oder Sex hinzu.” [1]

Roy versteht es genau auf diese Art, sein Studio (Alexandria) bei Laune zu halten. Und er schafft es ganz nebenbei die eigentliche Geschichte, die er erzählen will, geheim zu halten: seinen Versuch, sich selbst umzubringen, der sich hinter dem epischen Märchen, welches Alexandria sieht, versteckt. Man mag sich dabei verlieren können in den einmaligen, auf der Leinwand so sicherlich noch nicht gesehenen Bildern. Hier offenbart Tarsem nicht nur sein Talent, Bilder zu entwerfen, sondern zugleich auch die Kraft des Kinos wieder aufleben zu lassen – jene Kraft die das Kino immer schon besaß, sie jedoch nicht mehr zu nutzen weiß, da es schlichtweg einfacher geworden ist, Alles am Computer zu machen, als vor die Tür zu gehen und die Schönheit dieser Welt auszunutzen. Maschine essen Seele auf. Dafür steht das kommerzielle Kino unserer Zeit. Und ehrlich gesagt: Abgesehen von ihrer technischen Perfektion haben die Bilder des Kinos doch jeglichen Reiz verloren. Kino wird immer mehr zum Videospiel, wohl auch, da Filme die Einnahmequellen auf nachgelagerten Märkten für PS3 und XBox vorbereiten sollen. Einen Film gucken ist dann aber etwa so spannend, wie einem Freund beim Videospiel zugucken zu müssen. Auch dies vermag Tarsem zu thematisieren.

Zweifelsohne sind es gewaltige Bilder, die es da zu bestaunen gibt, doch die Handlung in diesen Bildern, die immerhin echt und nicht digital gemacht sind, ist eher dürftig, vermag niemanden wirklich mitzuziehen. Doch die Episoden im Krankenhaus wirken gerade wegen ihrer bildlichen Leere umso ergreifender. Tarsem kombiniert die Bilderpracht der einen Welt mit den Gefühlen der anderen, innerfilmisch echten Welt. Man muss sich schon darauf einlassen, um das Schockierende in diesem Krankenhaus mitzuerleben. Aber dies ist leider eine Eigenschaft, die dem breiten Kinopublikum durch Michael Bay und anderen Mörder des Kinos, geraubt wurde. Wenn Roy die Tabletten nimmt, kann es den fähigen Filmzuschauer nicht unberührt lassen. Immerhin nimmt er in diesem Moment, glaubend genügend Tabletten genommen zu haben, Abschied von Alexandria, die in ihrer Naivität natürlich nicht mitbekommen hat, dass sie gerade aktive Sterbehilfe geleistet hat – was für eine dramatische, emotional wuchtige Szene!! Der emotionalste Moment ist dann gegen Ende zugleich auch der bildschwächste: Alexandria liegt verletzt auf dem Krankenbett und wird von Roy besucht. Dieser hat offenbar erkannt, was er da von dem kleinen fünfjährigen Mädchen verlangt hat und diese beim Versuch, Tabletten zu stehlen, selbst fast umgekommen wäre. In tiefer Reue entwickelt er Mitgefühl für dieses Kind und schließlich so etwas wie Verantwortung. Sein Leben bekommt allmählich wieder einen Sinn. So beenden beide, Alexandria und Roy, unter Tränen vor Trauer und Glück nun endlich ihre Geschichte mit einem Ende, welches sie zusammen entworfen haben. Regisseur und Studioboss haben zueinander gefunden – ein Hoffnungsschimmer!

Tarsem legt aber nochmal nach: Nach den prachtvollen Bildern, kommen noch viel prachtvollere. Ein Zusammenschnitt alter Stummfilmaufnahmen mit wagemutigen Stuntszenen zeigt uns allen, wie einfach und wie schön das Kino einmal war, als noch alles wirklich gemacht und nichts der Maschine überlassen wurde. Hier sieht man Bilder, bei denen man den Atem anhält, man zusammenzuckt, man erstaunt und überrascht ist. Ein Film wie “Transformers”, bei dem immer schon klar ist, dass Alles nur virtuell am Computer existiert, kann man auf diese Art und Weise einfach nicht mehr mitfiebern. Das Spektakel verkommt zur Langeweile. Und vielmehr noch, als diese oder jene Computeranimation uns vielleicht dazu verleiten mag zu fragen, wie man dies wohl gemacht hat, zeigen doch gerade diese letzten Stummfilm-Minuten in Tarsems “The Fall”, wie schwierig richtiges Kino sein kann. Insofern macht man es sich mit dem Computer doch ziemlich einfach und bereitet der kreativen Kraft des Films ein jähes Ende.

“The Fall” ist der hoffnungsvolle Rückblick, der zugleich auch nach vorne blickend verstanden werden sollte.
Eine Kinoauswertung in Deutschland kann nunmehr nicht mehr bestaunt werden. Zur Veröffentlichung für das Heimkino gibt es derzeit ein preislich attraktives Mediabook von Capelight. Enthalten ist darin ein 24-seitiges Booklet, eine DVD mit jeder Menge Bonusmaterial, der Hauptfilm auf DVD und eine etwas längere Fassung des Films auf BluRay. Das Mediabook ist beispielsweise bei AMAZON für 23,99 EUR zu haben.

[1] Zitat aus dem Mediabook von “The Fall”, Capelight, 2009, Art.Nr. 6408660

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  1. [...] gibts aber wieder Regisseure, wie Tarsem Singh, die Filme wie “The Fall” machen, die zwar aussehen, als würde der Computer helfend zur Seite stehen, tatsächlich aber [...]

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