Filmkritik: 127 Hours

Der Film startete hierzulande bereits im Februar in den Kinos und ist daher zum jetzigen Zeitpunkt nur noch in einigen wenigen Lichtspielhäusern zu sehen. Wer es bis dato verpasst hat, ins Kino zu gehen, was auf Grund der grandiosen Bilder dieses Films definitiv zu empfehlen ist, muss sich noch bis zum Ende des Jahres gedulden. Erst im Dezember ist die Veröffentlichung auf BluRay und DVD angekündigt.

Es ist die wahre Geschichte von Aron Ralston, der bei einer Klettertour durch den Bluejohn Canyon in Utah in eine Situation gerät, die ihn zum Äußersten zwingt, um zu überleben. Er ist eigentlich kein Anfänger, der Canyon ist für sowas wie ein zweites Zuhause. Doch auch der erfahrenste Kletterer ist nicht vor Fehltritten – oder in diesem Fall Fehlgriffen – sicher. Aron versucht Halt an einem größeren Felsbrocken zu bekommen, doch dieser kommt in Bewegung und stürzt mit dem Kletterer in die Tiefe. Dabei verkeilt sich der Stein in er engen Felsspalte und klemmt Arons Arm mit ein. Niemand weiß, wo sich Aron befindet, auf Rettung ist in dieser Situation nicht zu hoffen. Anfängliche Versuche, den eingeklemmten Arm, oder den festsitzenden Stein in Bewegung zu bringen, erweisen sich schon bald als hoffnungsloses Unterfangen. Allmählich neigen sich Arons Vorräte dem Ende zu und das Unausweichliche rückt immer näher – wie weit ist Aron bereit zu gehen, um zu überleben? Sein rechter Arm für sein Leben…

Filme, in denen wenige oder gar nur ein Schauspieler die ganze Zeit über präsent sind und die gesamte Narration tragen (müssen), gibt es haufenweise. Doch selten ist ein Film derart zentriert und fokussiert auf nur einen Charakter an nur einem, sehr engen, kleinen Handlungsraum. Tom Hanks hat in “Cast Away” schon meisterlich diese One-Man-Show umgesetzt, ihm blieb dabei aber immerhin noch eine ganze Insel, die im Film für Abwechslung sorgte. In “127 Hours” dagegen bleibt die Kamera nicht nur an Aron, absolut grandios gespielt von James Franco, kleben, sondern auch der Handlungsort gibt dem Zuschauer über weite Teile des Films nicht mehr Sicht frei, als Aron diese, tief unten in der Felsspalte hat. Man hätte den Film auch deutlich dramatischer umsetzen können, hätte neben den verzweifelten Versuchen Arons, wieder frei zukommen, auch eine Aussensicht zeigen können, etwa wie die Eltern sich besorgt auf die Suche machen, man sich auf Arbeit wundert, das Aron nicht erscheint und nicht erreichbar ist. Auf all dies verzichtet der Film jedoch und es tut ihm gut. So verbleibt die Kamera nahezu die gesamte Zeit, mit Ausnahme von einigen Erinnerungssequenzen und Halluzinationen, dort unten bei Aron und Regisseur Danny Boyle leistet fantastische Arbeit, dass die Einzelshow von Darsteller Franco nicht langweilig wird.

Die typische Handschrift von Boyle lässt sich auch in diesem Film überdeutlich wiederfinden. Gleich zu Beginn geht es ebenso rasant los, wie man es zuletzt beim ausnahmsweise mal völlig zu recht mit Preisen überhäuften “Slumdog Millionaire” gesehen hat: Dank Splitscreens, die das Auge des Zuschauers zugleich herausfordern und überfordern werden wir mitten hinein geworfen in das Geschehen und angesteckt von der Euphorie Arons, der es kaum erwarten kann, die Weite der Natur auszukosten. Und eben diese Natur ist schließlich, neben Aron, der zweite, heimliche Hauptdarsteller des Films, den Boyle einmal mehr in traumhaften Bildern, die alsbald zu alptraumhaften Bildern, werden einfängt. Und es sind eben jene Bilder, die Boyle immer schon auszeichnen, ganz egal ob im eben schon erwähnten “Slumdog Millionaire” oder im unberechtigterweise weit weniger beachteten “Sunshine”.

Neben tollen Bildern, die sicherlich auch andere auf die Leinwand hätten zaubern können, schafft es der Regisseur und natürlich sein James Franco, dass es zu keiner Zeit langweilig wird – und dies obwohl man von Anfang an eigentlich weiß, worauf dies hinausläuft. Doch gerade die Idee, hier nicht mit Umschnitten in die übrige Welt zu schalten, sondern immer bei Aron zu bleiben, macht die Wucht des Films aus. Stets organisiert und professionell kann man mit Ansehen, wie Hunger, Hoffnungslosigkeit und die zunehmende Dehydrierung Aron immer mehr an den Rand seiner Möglichkeiten und in den Wahnsinn treibt – vielleicht ist es auch dies, was ihn am Ende zum eigentlich Undenkbaren, ungeheuer schmerzlichen Höhepunkt treibt. Das Publikum leidet und hofft somit 90 Minuten mit ihm. Aron dagegen kämpfte 127 Stunden ums Überlebenskampf, bis er sich aus eigener Kraft selbst befreien konnte. Ein kraftvoller, mitreißender Film!

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