10 Jahre arbeitet Christopher Nolan nun schon an diesem Film, der seit dem 28.7.2010 nun endlich auch hierzulande in den Kinos gesehen werden kann. Lohnswert ist der Film allemal, Anderes hätte man von einem Regisseur wie Nolan auch nicht erwartet. Weshalb sich aber einige Kritiker und die oftmals unkritischen Forenschreiber derart überschlagen und von einem Meisterwerk sprechen, mag sich nicht ganz erschließen. Großartig ist dieser Film, wie gesagt, aber auch nicht derart herausragend, wie er mancherorts im Netz bejubelt wird. Gleichsam hat dieser Film natürlich die Eigenheit, gegen nahezu jede Kritik ordentlich gewappnet zu sein.
Dies begann schon auf der Pressevorführung in Berlin, die mit deutscher Pünktlichkeit begann, obwohl etliche Kritiker noch vor der Tür in der Schlange standen. Aber was solls? Dem Film kommt es zugute, handelt er doch massgeblich, um nicht zu sagen ausschließlich, vom Träumen – er ist selbst nichts anderes als ein Traum, wie das Kino ja sowieso. Und in eben diesem Film wird an einer Stelle bemerkt, dass man sich oftmals nicht an den Anfang eines Traums erinnern kann. Die Kritiker, die an besagtem Mittwoch in Berlin vor der Tür standen, erlebten somit – sozusagen bei vollem Bewusstsein mit, wie es ist, einen (Kino-)Traum zu erleben, an dessen Anfang man sich beim besten Willen nicht erinnern kann. Abgesehen davon kann man dem Film auch einige Ungereimtheiten, Leichtfertigkeiten und Paradoxien vorwerfen, aber was solls? Träume müssen nicht den Gesetzen unserer Welt entsprechen, sie haben ihre eigenen Regeln, und dies scheint Nolans Traum, ähm Film, vor allen Einwänden zu schützen! Aber nunmal langsam, Schluss mit dem Gequatsche, erstmal aufwachen und Fakten sammeln:
Leonardo Di Caprio spielt Cobb, ein Spezialist in Sachen Industriespionage, nur seine Methoden dafür sind einzigartig. Er stielt die Ideen anderer Menschen in deren Träumen. Nun hat er jedoch genug von diesem Leben, will nach hause zu seinen Kindern und glaubt dies, mit einem letzten Auftrag erreichen zu können. Dieses Mal soll er keine Idee stehlen, sondern im Traum eine Idee, einen Gedanken, dem Opfer “einpflanzen”.
Es ist schon faszinierend, wie sich der Film in verschiedene Erzählstränge, die allesamt parallel weiterlaufen und weitererzählt werden, aufteilt. Es gibt Momente, das befinden wir uns über mehrere Minuten in einem Traum, der in einem Traum stattfindet, der in einem Traum stattfindet, usw. Schade nur, dass – entgegen einiger Kritikermeinungen – dies alles sehr geradlinig erzählt wird. So verwirrend dies auf den ersten Blick klingen mag, so gut kann man sich letztlich dann doch während des gesamten Films orientieren. Jede Traum- und Unterbewusstseinsebene ist klar und deutlich von den Übrigen getrennt, Nolan nimmt uns die ganze Zeit über mit den klassischen, hinlänglich bekannten filmischen Mitteln an die Hand, damit auch wirklich niemand den Überblick verliert. An die bizarren, beängstigenden Traumwelten eines David Lynch reicht Nolans Traumwelt daher bei Weitem nicht heran. Allein hier hätte man sich mehr erhofft, zumal Nolan mit Following ja bewiesen hat, dass er es besser kann. Vielleicht durfte er bei “Inception” doch nicht sämtliche Freiheiten bei Warner genießen und diese eher konventionelle Erzählweise ist ein Zugeständnis des Regisseurs an sein Studio?
Egal, denn wie schon gesagt: Alles, was man dem Film vorwerfen könnte, weist der Film zugleich, dank seiner Traumthematik gekonnt von sich. Und der ganze Rest? Dem ist dann sowieso nichts mehr vorzuwerfen und trotz einiger Ecken und Kanten kann sich auch dieser Nolan-Film durchaus sehen lassen. Zugegeben, die Charaktere des Films sind allesamt nicht wirklich tief gezeichnet, einige Handlungsmomente, wie etwa die Einführung von Ariadne in die Traumwelten, werden etwas zu schnell abgehandelt, als das sie tatsächlich glaubhaft inszeniert zu werden. Aber was ist in einem Traum schon glaubhaft, mit wie vielen Charaktereigenschaften sind die Personen unserer Träume schon ausgestattet – besser gefragt: an wieviel davon erinnern wir uns am morgen danach noch? Clever gemacht Herr Nolan, so könnte man das stehen lassen.
Nun aber mal zu den Stärken des Films. Die Bilder! Zugegeben, dies ist für einen echten Filmfreund natürlich kein Argument. Eher im Gegenteil. Selbst Nolan ist der Ansicht, dass mit dem zunehmenden Einsatz von Computereffekten das Kino eher etwas verloren, als dazu gewonnen hätte – und recht hat er. Wo man früher noch aufwändig bauen und Welten erschaffen musste, macht man es sich heute nur allzu leicht und viele Filme – leider zu viele – können dieses Schwäche des “Einfach-gemacht-sein” einfach nicht von sich weisen. Nolan versucht daher, und dies sieht man seinen Bildern an, so Vieles wie möglich ohne Computer zu machen. Und wenns dann doch mal notwendig ist, dann sieht es dennoch atemberaubend und dennoch nicht zum Selbstzweck verkommen aus. Man denke hierbei nur an die fantastische Sequenz, wenn Ariadne die Strassenzüge von Paris wie ein Blatt Papier übereinanderfaltet. Dennoch: tolle Bilder sind nicht Alles in einem Film. Das Thema ist der eigentlich sehenswerte Teil des neuen Nolan-Films.
Oftmals, leider viel zu oft, stellt man fest, das viele Leute ins Kino gehen, um abzuschalten, sich zu unterhalten und der Meinung sind, dass Filme nichts mit der Welt “da draussen” vor dem Kino zutun hätten. Ein grober Fehler. Filme beeinflussen uns viel mehr und schon viel länger, als dies manch einem von uns wohl bewusst ist. Unsere Ängste, und nicht zuletzt unsere Träume, wären sicherlich heute ganz andere, wenn es Filme, wenn es Medien im Allgemeinen nicht gäbe. Auch darum geht es in “Inception”. Ist das Kino nicht schon seit seiner Geburt damit beschäftigt, uns Gedanken, Ideen, aber auch Ängste ins Gehirn zu pflanzen. Ein Film, der über das Träumen erzählt, erzählt daher zwangsläufig auch eine Geschichte über sich selbst, über den Film, über Hollywood, die Fabrik der Träume, die Traumfabrik. Und so wird Cobb, der einem mächtigen Industrieerben eine Idee im Traum in den Kopf “setzen” soll, letztlich zum Stellvertreter des Kinos, ja des Medium Film.
Wer den Film verstanden hat, wird aus dem Kino gehen und sich die Frage stellen, wieviele Gedanken im Leben man hat, nur weil es das Kino gibt. Keine Kulturwissenschaft zweifelt daran, dass der Mensch nachdem er sich der Fähigkeit Feuer zu machen bemächtigt hat, fortan ein anderer war, als der Mensch ohne Feuer. “Inception” ist in dieser Hinsicht vielleicht ein gutes Argument dafür, dass Menschen mit Filmen, andere sind, als Menschen ohne Filme. Jeder, der denkt, er gehe nur ins Kino zur Unterhaltung und käme unbeschadet wieder aus dem Saal heraus, irrt sich gewaltig. Es bleibt doch etwas hängen, oftmals merken wir es nur nicht, wir waren ja doch gerade nur in einem großen, dunklen Raum und haben zwei Stunden mit offenen Augen geträumt…