Mit Quentin Tarantin ist das ja immer so eine Sache: stark angefangen und daher zwangsläufig umso stärker nachgelassen. Nun will man Tarantino ja nicht bis in alle Ewigkeit an “Pulp Fiction” oder “Jackie Brown” messen, doch was er zuletzt ablieferte, war fast schon unerträglich schlecht, gemessen an dem Talent, was er ja durchaus schon beweisen konnte. “Kill Bill”, eigentlich sowieso nur als ein Film geplant, aus kommerziellen Gründen dann aber zum Doppeltabkassieren auf zwei Teile aufgesplittet, war an Inhaltslosigkeit und Langeweile kaum zu überbieten -wollte man meinen. Doch tatsächlich schaffte “Death Proof” genau dies und war in etwa so aufregend wie “Deutschlands schönste Bahnstrecken” aus dem Nachtprogramm des ZDF, nur das man eben nicht mit dem Zug, sondern mit dem Auto und nicht in Deutschland, sondern in den USA unterwegs war. Insofern könnte man Tarantino eigentlich langsam mal vergessen, oder nicht jeden Film immer schon im Vorfeld ungesehen als den neuen Kultfilm bewerben. Und trotzdem zieht der Name Tarantino nach wie vor, wie ein Magnet, nicht nur die eingefleischten Fans, die sowieso ohne jede Kritik alles von Tarantino lieben, sondern auch alle Anderen ins Kino, um zu sehen, ob da nicht doch noch etwas ist, von jenem Kultregisseur, der Tarantino zweifelsohne einmal war.
Damit soll er ja nicht auf “Pulp Fiction” reduziert werden. Ganz im Gegenteil! Ein Regisseur, wie Tarantino, der sich gerade keinem Genre zuweisen lässt, soll sich ja auch nicht ständig wiederholen. Er soll aber qualitativ daran anknüpfen, was er schonmal zeigen konnte. Und dies schafft Tarantino seit Jahren leider nicht mehr. Wieder muss man sagen, dass der Film handwerklich grandios ist, Tarantino ist und bleibt ein guter Regisseur, hat den richtigen Blick für die besten Einstellungen, versteht es, wundervolle Bilder zu schaffen, weiß mit der Montage gekonnt zu arbeiten. Nur Eines kann er eben leider überhaupt nicht, macht es aber trotzdem andauernd: Drehbücher schreiben. So gern er sich vielleicht in der Rolle sieht, lieber Alles allein zu machen, würde es ihm und seinen Filmen einfach besser stehen, wenn er sich aufs Regie führen beschränkt und das Schreiben jemandem überlässt, der was davon versteht. So verkommt auch “Inglorious Basterds” zur Nummernrevue, die zwar schon deutlich mehr Handlung und narrative Verstrickungen aufweist, als die beiden Vorgängerfilme, vieles von dem Gezeigten jedoch einfach seine Überflüssigkeit nicht verstecken kann.
Fünf Kapitel umfasst der neue, wieder einmal viel zu lang gewordene Tarantino-Film, bei dem vor allen Dingen eines nicht so richtig aufkommen will: Spannung. Das komplette zweite Kapitel kann dabei im Grunde genommen vollständig weggelassen werden, und es würde dem Film tatsächlich eher dienlich sein, als das es ihm fehlen würde. Dabei beginnt alles so hoffnungsvoll: Oberst Hans Landa, grandios genial gespielt von Christoph Waltz, tritt als “Nazijäger” in Erscheinung und verbreitet eine Spannung, die selbst dem Zuschauer im Kinosaal die Kehle zuschnürrt und den Atem stocken lässt. Es ist überdies unglaublich, dass erst ein Quentin Tarantino nach Europa kommen muss, um Waltz aus seinem Schattendasein in “Polzeiruf 110″ und “Tatort” zu befreien, um ihm den Platz auf der Leinwand einzuräumen, der seinem Können gerecht wird. Leider überträgt sich dieses Können nicht auf die übrigen Darsteller, ebensowenig wie die Spannung nicht auf den Rest der Narration überspringt. Zwar kommt genau diese Beklemmung, die einzig und allein dank Waltz durch den gesamten Film getragen wird, immer wieder auf, sobald er auch nur auf der Leinwand auftaucht, die übrige Geschichte ist gegenüber dieser Spannung jedoch leider resistent.
Resistenz ist dabei ein gutes Stichwort, in Bezug auf das schauspielerische Können von Diane Kruger. Es ist schleierhaft, wie jemand, der nun schon mehrfach nachgewiesen hat, nicht schauspielern zu können, immer wieder größere Rollen angeboten bekommt. Die Leistung von Kruger ist in etwa auf DailySoap-Niveau, à la “Gute Zeiten Schlechten Zeiten”, wobei sich der Cast in Deutschlands dienstältester Seifenoper über die Jahre immerhin entwickelt hat und besser geworden ist. Kruger hingegen stapft und quatscht so unbeholfen durchs Bild, das man sich übergeben könnte. Freud und Leid liegen so dicht bei einander. Vielleicht sollte sich Kruger nochmal ansehen, was die sieben Jahre jüngere Mélanie Laurent in “Inglorious Basterds” zu leisten vermag. Im Gegensatz zu Krugers völlig übertriebener und hölzerner Darstellung, die eher einer Selbstinszenierung gleicht, trotzt Laurent nur so vor Authentizität. Sie vermag durch ihr bloßes Auftauchen auf der Leinwand, ohne ein einziges Wort zu sprechen, vielmehr auszusagen, als Kruger mit ihrem unbeholfenen Amateurspiel.
Leider kommt auch Brad Pitt überhaupt nicht an sonst vom ihm gewohnte Qualitäten heran. Sein Charakter wirkt einmal mehr derart überzeichnet und klischeeüberladen, dass hier die Ausrede, dies würde die Rolle so erfordern, nicht gelten darf. Ein Profi, wie Pitt, kann einen Charakter ironisierend überzeichnen, ohne dass dabei ein solch plumpes Auftreten herauskommt, wie in diesem Falle. Da wird Pitt doch glattweg von Tarantinos Regie-Kumpel Eli Roth (“Hostel”; “Cabin Fever”) an die Wand gespielt. Auch sein Charakter muss dem Drehbuch entsprechend überzeichnet sein, Roth schafft dies aber bedeutend besser als Pitt. Vielleicht sollte sich Roth auch mal überlegen, das Regieführen sein zu lassen und zukünftig noch stärker als Schauspieler aufzutreten. Da dürfte wohl noch Einiges zu erwarten sein. Überraschend positiv fällt zudem Daniel Brühl auf, der in seiner Rolle wahrlich aufzugehen scheint. Und es steht ihm sichtlich gut, sich mal nicht in pseudo-intellektuellen deutschen Filmchen unter Wert zu verkaufen, um hier eine seinem Charakter eigentlich durchaus unpassende Rolle zu übernehmen. Schade nur, dass die Person, die Brühl prima umgesetzt hat, aus narrativer Sicht einmal mehr nicht nötig gewesen wäre. Dies ist aber erneut ein Manko am überaus schwachen Drehbuch und soll Brühl keinesfalls zu Lasten gelegt werden.
Man ist nunmehr etwas zwiegespalten, was die Empfehlung für oder wider dieses Films anbelangt. Eigentlich ist er schlussendlich, allein schon wegen Christoph Waltz unbedingt eine Empfehlung wert. Abgesehen davon fehlt es dem Film aber einfach am nötigen Biss, um den Zuschauer über die gesamte Laufzeit bei Laune zu halten. Gerade Waltz´ Darstellung lässt dabei eine Frage aufkommen: Wie gut wäre der Film denn tatsächlich noch, wenn Christoph Waltz nicht mitspielen würde? Und wieviele Leute würden sich den Film überhaupt noch ansehen, wenn Tarantino nicht Regie geführt hätten? Es sind die üblichen Fragen, die in letzter Zeit bei jedem Tarantino-Film gestellt werden und sie sind durchaus berechtigt. Auch wenn ein echter Fan dies nicht wahrhaben will. Aber die Filme würden kaum ein Massenpublikum begeistern und erst Recht wäre “Inglorious Basterds” ohne Waltz kaum noch der Rede wert. Es wäre dann nichts weiter, als ein übertriebener, kaum Ernst zu nehmender Trash-Film, der als Direct-To-Video-Veröffentlichung ein Schattendasein in den unteren Reihen der Videothekenregale fristen würde. “Inglorious Basterds” hat aber zu seinem Glück Chrisoph Waltz und Tarantino. Insofern ist der Regisseur, nach zwei völlig missglückten Filmen, zumindest dieses Mal auf dem Weg der Besserung. Objektiv betrachtet ist “Inglorious Basterds” aber bestensfalls schlechtes Mittelmaß. Müsste man Schulnoten vergeben, bekäme dieser Film eine 3-, und nach allem, was man von Tarantino zuletzt zu sehen bekam, ist dies ein überaus positives Lob an seinen neuen Film. Mehr sollte man aber einfach nicht erwarten und weiter darauf hoffen, dass Tarantino wieder besser wird und sich vielleicht mal dazu entscheiden kann, ein gutes Drehbuch von einem guten Autor zu verfilmen. Das könnte wirklich klappen.