James Camerons “Avatar” – Ein Versöhnungsversuch

Als Filmliebhaber – nein: als passionierter Filmliebhaber, oder besser noch: als Cinephiler hat man so seine Probleme mit dem zunehmenden Einsatz von Computern in Filmen. Was dabei herauskommt, kann man in George Lucas langweiligen drei StarWars-Filmen jüngeren Datums sehen, wo es der Einsatz des Computer geschafft hat, nahezu Alles, wofür die frühen StarWars-Filme stehen, zum Verschwinden zu bringen. Wie akut der Einsatz von Computern dann schließlich zum völligen Verschwinden des Films führen kann, sieht man in Michael Bays “Transformers”, denn so schwer es vielleicht auch sein mag, eine eindeutige, allumfassende Definition dessen zu formulieren, was denn nun ein Film sei, so sicher ist doch, dass “Transformers” kein Film im eigentlichen Sinn mehr ist, sondern eine langgezogene Computeranimation – aber eben nicht Film. Nun will man als Filmliebhaber nicht immer mit dem Knüppel alles Neue verjagen und der alten Zeiten verpflichtet sein. Und tatsächlich gibt es ja auch Beispiele, die einen erwachsenen Umgang mit beiden Medien im Verbund – Computer und Film also – versuchen.

Der schönste Einsatz von Computern in Filmen zeigt sich immer dann, wenn man eben diesen Einsatz gar nicht wahrnimmt: Dies vermochte schon Robert Zemeckis in “Forrest Gump” sehr eindrucksvoll zu beweisen, wo den meisten Zuschauern wohl gar nicht bewusst ist, wieviele Bilder hier aus dem digitalen Universum stammen. Noch viel schöner wurde es bei David Finchers inzwischen wohl schon legendärem Dolly-Shot, bei dem zwar klar ist, dass hier ein Computer zum Einsatz kam, der Film jedoch wohldosiert damit umzugehen weiß und das filmisch reale Bild nicht zunehmend verdrängt wird:

Dann gibts aber wieder Regisseure, wie Tarsem Singh, die Filme wie “The Fall” machen, die zwar aussehen, als würde der Computer helfend zur Seite stehen, tatsächlich aber (nahezu fast) Alles ohne digitale Zuarbeit auskommt. Und am Ende bleibt doch bislang stets die Frage, ob der Film den Computer braucht und wenn ja, in welchem Maße? Fluch oder Segen? Eine wirkliche Antwort war bislang nicht möglich. Bislang! James Cameron wagt den Versuch der längst überfälligen Aussöhnung beider Medien, die gern die Hoheit auf der Leinwand für sich allein beanspruchen wollten. Seine Antwort: Die Leinwand ist groß genug, es ist genug Platz für alle da.

Perfekt ist die neue Freundschaft noch nicht, aber es ist ein gigantischer Schritt in die richtige Richtung gemacht. Cameron hat selbst seit Jahren an den erforderlichen Weiterentwicklungen der Software für den Einsatz am/im/beim Film Hand angelegt und “Avatar” ist in diesem Sinne das erste, durchaus beachtenswerte Produkt dieser Arbeit. Ein Problem bleibt: Die Handlung ist nach wie vor dürftig und dies scheint, vor allen Dingen in Hollywood nach wie vor ein großes Problem: Gute Animationen im Film suchen bislang vergeblich nach guten Inhalten. So hat auch “Avatar” durchaus einige, teils gravierende logische Löcher, die selbst durch die wundervollen Bilder nicht vergessen gemacht werden können. Und dennoch: Es wird tatsächlich endlich mal eine durchaus annehmbare Geschichte erzählt, die überdies die Spielzeit von knapp drei Stunden auch tatsächlich benötigt. Damit ist Cameron schon deutlich weiter, als der Großteil seiner Kollegen, die um aktuelle technische Möglichkeiten offenbar nur allzu schnell eine halbgare Handlung herumstümpern.

Doch die Bilder in “Avatar” sind die eigentliche Revolution: In 3-D gedreht macht dieser Film auch nur in ausgewiesenen 3-D-Kinos wirklich Sinn. Alles andere ist in etwa so sinnvoll, wie BluRays auf alten Röhrenfernsehern anzuschauen. Der überwiegende Teil der Bilder entstammt aus dem Computer und – so klar dies wohl auch jedem Betrachter ist – man sieht es den Bildern oftmals nicht mehr an. Der Film, der zum großen Teil im Studio gedreht wurde, vermag dank Computer eine Welt zu zeigen, die alles andere, als digital oder im Studio nachgebaut erscheint. Der Dschungel von Pandora – ein digitales Produkt – wirkt derart real, das man ernsthafte Zweifel an der Aussage Camerons hegt, es tauche keine einzige reale Pflanze im Film auf. Das Dreidimensionale vermag schließlich das Kino, so wie wir Alle es bisher kennen, völlig zu revolutionieren. Die Leinwand wird nicht mehr zur Grenze zwischen unserer Welt und der Welt des Films. Beide Räume verschmelzen miteinander. Was man einstmals als Bewegung der Kamera durch das Filmbild wahrgenommen hat, verschwindet. Stattdessen beginnt der Raum des Films sich selbst zu bewegen, sich vor unseren Augen im wahrsten Sinne des Wortes auszubreiten. Die starre Distanz des Zuschauers zur projizierten Welt ist im Begriff, abgeschwächt zu werden (hier kann natürlich nicht vom Verschwinden die Rede sein, denn eine grundlegende Distanz bleibt doch stets erhalten). Doch die Filmwissenschaft wird ihre Mühe haben, mit den alten Begriffen weiter zu operieren: Was ist denn noch die Tiefenschärfe, die bei Jean Renoir und Orson Welles so gefeiert wird im Vergleich zu “Avatar”? Ein Blick von den “fliegenden Bergen” hinab in die Schluchten von Pandora vermag Tiefe im Bild präsent werden zu lassen, wie sie bislang definitiv noch nicht gezeigt werden konnte. “Avatar” bedingt ein völlig neues Sehen im Kino, vermag völlig neue emotionale Interaktionen hervor zu rufen. Dies alles ist, wie bereits erwähnt, noch nicht mit der nötigen Perfektion auf narrativer Ebene verwoben und dennoch ist “Avatar” als Anfang der erste Schritt in die richtige Richtung.

Interessiert an der neuen Technik, die James Cameron zum Einsatz gebracht hat, waren etliche Kollegen während der Dreharbeiten am Set von “Avatar”: David Fincher zeigte enormes Interesse an der High-Defintion-Fotografie, Steven Spielberg war ebenfalls zu Besuch am “Avatar”-Set und Ridley Scott denkt nach seinem Rundgang durchs “Avatar”-Studio offenbar ernsthaft wieder darüber nach, einen Science-Fiction-Film zu drehen. James Cameron wollte mit “Avatar” die Technologie für das Kino vorantreiben und war dementsprechend über jeden interessierten Kollegen hoch erfreut. Die Besucher am Set lassen dabei durchaus hoffnungsvoll in die Zukunft blicken, darf man bei den genannten Herren einmal mehr auf einen verantwortungsvollen Umgang mit der neuen Technik hoffen. Und die Lösung der narrativen Probleme vermag man hier durchaus auch in greifbarer Nähe sehen…Insbesondere Fincher hat sich bis heute, trotz größerer Produktionen, wie “Benjamin Button” eine gewisse anspruchsvolle Eigenständigkeit im Haifischbecken der Studios bewahrt und gar Großaufträge, wie seiner Zeit “Mission Impossible 3″, dankend abgelehnt!

Zurück zu “Avatar”: Erfolg vorausgesetzt will Cameron eine Fortsetzung nicht ausschließen. Es ist gar von einer Triologie die Rede. Warum nicht? Der Regisseur ist lernfähig und hat schon nach “Terminator” schon einmal bewiesen, wie er mit einer Fortsetzung das Original noch deutlich übertreffen kann (“Terminator 2- Judgement Day”). Und auch Camerons Fortsetzung zu Ridley Scotts ohnehin genialem “Alien” – “Aliens 2 – Die Rückkehr” – ist einmal mehr eine der wenigen Fortsetzung, bei der niemand auf die Idee kommen würde, Sinn und Daseinsberechtigung des zweiten Teils infrage zu stellen. Warum sollte Cameron also kein hervorragender zweiter “Avatar” gelingen? Finanziell spricht schon jetzt Einiges für eine Fortsetzung: 237 Mio US-$ Produktionskosten erscheinen zuweilen schon wieder lächerlich gemessen an den aktuell mehr als 760 Mio US-$ Einnahmen weltweit (Stand: 1.1.2010, Quelle: www.the-numbers.com). Aber bis zum “Titanic”-Erfolg ist es freilich noch ein weiter Weg: Bei dem Film benötigte Cameron “nur” 200 Mio US-$, spülte dem Studio aber mehr als 1.8 Milliarden (!!) US-$ in die Kassen – soviel wie noch kein anderer Film bislang umgesetzt hat!! Und dennoch: Mit dem derzeitigen Einspielergebnis hat es “Avatar” bereits jetzt in die Top 50 der erfolgreichsten Filme aller Zeiten geschafft – und dies nach nur 12 Tagen seit der Premiere am 17.12.09!!!! Läuft die Kinoauswertung weiter derart erfolgreich, rast “Avatar” in der kommenden Woche bereits in die Top 20 der erfolgreichsten Filme aller Zeiten. Das produzierende Studio – 20th Century Fox – ist damit auf dem besten Weg, das derzeit noch erfolgreichste Hollywood-Studio Warner Bros. vom Thron zu stoßen. Es bleibt auch aus finanzieller Sicht durchaus spannend…

Update (8. Januar 2010): “Avatar” ist bislang noch nicht einmal einen Monat in den Kinos weltweit zu sehen, hat es bis heute jedoch bereits auf geradezu unglaubliche Einnahmen von 1.141 Milliarden US-$ gebracht. Damit ist der Film auf der Liste der erfolgreichsten Filme aller Zeiten bereits jetzt – knappe 3 Wochen nach seiner Premiere – auf Platz 2 gelandet. Vor Camerons “Avatar” steht auf dieser Liste als einziger “Konkurrent” nunmehr nur noch Cameron selbst, der 1997 mit “Titanic” für damalige, wie auch für heutige Zeiten unfassbare 1.8 Milliarden US-$ einspielte. Die Liste zeigt zudem, dass “Avatar” also schon jetzt Filme wie “The Dark Knight”, sämtliche “Harry Potters”, den “Herr der Ringe – Die Rückkehr des Königs” oder “Fluch der Karibik” locker hinter sich gelassen hat. Wenn “Avatar” dann schließlich auch irgendwann mal auf DVD und BluRay erscheint – zum Leihen und zum Kaufen, wenn er via VOD, im PayTV und schließlich im Free-TV sein Geld aus dem Rechteverkauf eingespielt hat, dürfte der unerreichte Rekord von “Titanic” wohl die längste Zeit Bestand gehabt haben. Bei dem ungebrochenen Einnahmerekord, der seit Mitte Dezember nunmehr weltweit anhält und das Geschehen an den Kinokassen bestimmt – und überdies der Konkurrenz, also jedem anderen Film inzwischen Kopfschmerzen bereitet, kann allmählich tatsächlich davon ausgegangen werden, dass “Avatar” wohl der erste Film sein könnte, der mehr als 2 Milliarden US-$ einspielen wird…

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