Orphan

“Orphan” ist ein Film, der nicht lange benötigt, um in Fahrt zu kommen. Er beginnt mit mit schaurigen, blutigen Bildern, welche uns unvermittelt in die Situation von Kate und John Coleman werfen. Sie sind die Eltern von Max und Daniel, deren drittes Kind – Jessica – noch vor der Geburt starb. Eben jene Eltern, die sich offenbar nichts sehnlicher wünschten, als ein weiteres Kind, beschließen nun, ihre Liebe einem Adoptivkind zu schenken. Schnell, vielleicht etwas zu schnell, denn hier hält sich der Film tatsächlich nicht lange auf, finden sie die scheinbar perfekte Esther. Das 9-jährige Mädchen aus Russland, welches seine Eltern bei einem Hausbrand verloren hat, weiß sich gewählt auszudrücken, spielt wunderbar auf dem Klavier, malt wunderschöne Bilder, lernt sogar die Gebärdensprache, da Max, die jüngste Tochter der Colemans, nahezu taub ist…kurzum: sie ist das Kind, welches fortan bei Kate und John leben soll. Das Tempo des Films lässt es natürlich vermuten – es dauert nicht lang, da gehen merkwürdige Dinge vor sich. Unfälle ereignen sich, ein Todesopfer ist zu beklagen und jedes Mal scheint die kleine Esther nicht weit vom Tatort entfernt zu sein.

Klingt bis hierhin erstmal leidlich spannend, leidlich innovativ, denn das Thema von bösen, dämonischen Kindern ist wohl fast so alt, wie das Genre des Horrorfilms selbst. Man denkt sofort an Filme wie “Das Omen”, “The Children”, oder “Whisper” und fragt sich durchaus berechtigt: Was kann “Orphan” dieser Thematik noch hinzufügen? Durchaus Einiges! So entfaltet sich “Orphan” als durchaus doppelbödiger Film, der eher als Thriller durchgehen muss und weniger als Horrorfilm. Überdies wird am Ende, welches hier natürlich nicht verraten wird, deutlich, dass dieser Film schlussendlich kaum noch etwas mit den genannten Horrorfilmen zutun hat. Und genau dies ist auch sein Thema: Anders sein, Akzente setzen, sich selbst Absetzen. Ein scheinheiliger Film!

“Orphan” weiß um seine Wahrnehmung als Horrorfilm, der er vordergründig sein soll und spielt gekonnt mit unser aller Konditionierung beim Filme sehen. Er weiß um seine Genrezugehörigkeit und überschreitet – besser gesagt: unterschreitet – konsequent das ihm anhaftende Genre. Es ist eine wahre Freude, wie dieser Film permanent seine Spannung aufbaut und den nächsten Schocker wieder und wieder erwartbar macht, nur um den erwarteten Schrecken dann, ganz konsequent, ausfallen zu lassen. Dieses Anders-Sein des Films reflektiert sich schon in den Personen: Kate ist trockene Alkoholikerin, die vor allen Dingen wegen ihrer Kinder aufgehört hat zu trinken – beinahe wäre Max ihretwegen umgekommen. Nach Außen hin wahrt sie jedoch den Schein der fürsorglichen Mutter, die sie tatsächlich auch ist – jedoch eben nicht ohne dieses Problem, welches so gut es geht verborgen bleiben soll. Als das Ehepaar Esther zum ersten Mal im Waisenhaus besucht, feiern alle Kinder eine Geburtstagsparty, nur Esther sitzt allein vor ihrer Staffelei und malt. Darauf angesprochen sagt sie nur: “Ich schätze ich bin eben anders.” Und Kate reagiert: “Ich finds nicht schlimm, anders zu sein”

Ähnlich arbeitet sich nun dieser Film durch das Horrorgenre. Einmal sieht man Kate im Bad, wie sie den Spiegelschrank öffnet. Die Art und Weise, wie der Spiegel hier thematisiert wird, ruft uns wach. Wir ahnen schon, was gleich passieren wird: Wenn sie den Schrank wieder schliesst, wird plötzlich jemand hinter Kate stehend, im Spiegel zu sehen sein und sie – wie uns gleichermaßen – erschrecken. Doch dazu kommt es nicht. Der Film verweigert uns diesen Schrecken und vermag uns dabei in gewisser Weise zu erschrecken. Wenn wir uns bei einem Horrorfilm nicht mehr darauf verlassen können, erschreckt zu werden, wenn wir das Unerwartete nicht mehr erwarten können, dann sind unsere Sehgewohnheiten auf den Kopf gestellt – und dies ist, gerade in diesem Film, sehr schrecklich! Später steht Kate vor dem Kühlschrank und öffnet dessen Tür. Wir können nicht mehr sehen, was sich im hinteren Teil der Küche abspielt, da die offene Tür die Sicht versperrt. Die Musik hebt an und lässt die heimelige Atmosphäre ins Düstere, Umheimliche abdriften. Gleich wird sie die Tür schließen und jemand oder etwas, was dahinter bis jetzt noch unsichtbar war, wird sichbar werden und uns erschrecken – doch Nichts der gleichen passiert. Es bleibt die heimelige Küche. Alles ist an seinem Platz. “Orphan” ist eben anders. Es ist kein Horrorfilm, und daher kommen wir mit unserer Art und Weise, Filme aus diesem Genre zu gucken, auf bestimmte Reize zu reagieren, nicht mehr weit.

Wer Esther nun ist, kann hier nicht beantwortet werden, denn diese Antwort legt zugleich das Wesen des Films selbst frei. Esthers Bilder sind ein weiterer Anhaltspunkt für das Anders-Sein. Oberflächlich betrachtet sehen wir Blumen, Tiere – die heile Welt. Aber eines Nachts, als John im Zimmer das Licht ausmacht und nur noch die Schwarzlichtlampe aus dem Aquarium eingeschaltet ist, offenbaren die Bilder ihr wahres Gesicht: hässliche Fratzen, Blut, Tot…die Bilder sind ein Lichtspiel, die erst unter UV-Licht ihr Wesen zeigen. Ein Lichtspiel, wie der Film selbst, der erst noch ins rechte Licht gerückt werden muss. Man darf seinen Augen nicht mehr trauen – oder wie die Psychologin im Film, auch den Ohren nicht mehr (denn völlig richtig erkennt Kate ja, dass Esther der Psychologin nur das erzählt, was diese gern hören möchte).

Alles, was wir sehen und hören, ist tatsächlich nicht das, was es ist. Unsere Sinne sind nur hinreichend gut genug, um das Wahre zu erkennen. Was die Philosophie uns redlich bemüht immer schon sagen will, vermag dieser Film auf interessante Weise anschaulich zu zeigen. Es gibt sie nicht, die einmalige, von jedem beobachtbare Welt da draussen, die Realität. Es gibt nur ein Wahrnehmungsgeflecht, welches je verschieden, ganz subjektiv wahrnehmbar ist und “Welt” niemals ganz erfassen kann… Das Waisenhaus ist eine Psychiatrie, die Unfälle sind geplante Attacken und die kleine Esther ist tatsächlich…
“Orphan” ist trotz bekannter Thematik ein völlig anderer Film, als man es nur durch den groben Inhalt erahnen könnte. Und genau mit diesen Ahnungen, Erwartungen, Konditionierungen spielt dieser Film vorzüglich.

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