Paranormal Activity – Filmkritik

So ein richtiger Trend hat sich bis jetzt noch nicht abgezeichnet und dennoch kann ein vermehrtes Aufkommen, vermeintlich pseudo-realer Filmdokumenationen nicht bestritten werden. Viele denken sofort an “Blair Witch Project”, dessen Intention es war, uns alle daran glauben zu lassen, man hätte echtes Filmmaterial von echten Studenten gefunden, die realen Ereignissen in einem Wald nachgehen. Auch wenn letzten Endes niemand daran unbedingt geglaubt hat, der Hype hat funktioniert und den etablierten Marketingprofis in Hollywood damals das Fürchten gelehrt. Denn unheimlicher als der Film selbst war letztlich dessen Erfolg an den Kinokassen – minimaler Aufwand mit maximalem Erfolg, welcher Ökonom träumt nicht davon? Zahlen lesen sich hier besser und man kann sich diese gar nicht oft genug ansehen: 35.000 US-$ hat “Blair…” seiner Zeit gekostet. Dazu hat man sich das Marketing nochmal gut 6.500 US-$ kosten lassen. Heute kann der Film weltweit auf Gesamteinnahmen von mehr als 248 Mio. US-$ blicken!!

Andere Filme, die sich stilistisch ähnlich versuchten, waren nicht unbedingt schlechter, konnten solch ein Ergebnis aber selbstredend kaum mehr toppen. Da wären J.J. Abrams “Cloverfield” ebenso wie der geniale “[REC]” zu nennen. Letzterer war dann sogar so genial, dass man ihm in den USA, sozusagen zeitgleich zur europäischen Kinoauswertung (“REC” ist aus Spanien) ein US-Remake (“Quarantäne”) spendierte. Finanziell blieben die genannten Filme trotz minimalen – oder sagen wir: überschaubareren – Budgets sicherlich hinter den Erwartungen zurück. Nun hat es aber offenbar doch nochmal ein Film geschafft, an “Blair…” zu erinnern und zwar aus inhaltlicher, stilistischer und eben auch und vor allen Dingen aus finanziller Sicht: “Paranormal Activity”.

Eigentlich schon 2007 fertiggestellt, lief er zunächst nur auf einem Festival und später in 12 (!) Städten in den USA in den Mitternachtsvorstellungen. Dies hätte es auch schon sein können, doch der Film sorgte für eine unglaubliche Word-to-Mouth-Propaganda und so war es letztlich das Publikum, das dem Film soviel Aufmerksamkeit zuteil werden ließ, dass auch Hollywood aus seinem selbstsicheren “Profi”-Schlaf mal aufwachen musste. Zunächst bei Miramax auffällig geworden spielte man später Steven Spielberg eine Kopie des Films zu, der sofort bereit war, dem israelischen Regisseur Oren Peli ein größeres Budget für ein Remake zur Verfügung zu stellen. Peli – aufgemerkt! – lehnte aber ab und schlug stattdessen vor, lieber seine Schnittfassung direkt vor großem Publikum zu zeigen. Glücklicherweise ließ sich Spielberg überzeugen und kaufte die Rechte an dem Film. Den 11.000 US-$ Produktionskosten stehen inzwischen mehr als 104 Mio. US-$ an Einnahmen, allein an den US-Kinokassen gegenüber. “Paranormal Activity” ist damit auf dem besten Wege, zum finanziell erfolgreichsten Film aller Zeiten zu werden. Und dies zu Recht!

Über den Inhalt soll hier gar kein Wort verloren werden, nur so viel: Ein junges Paar zieht zusammen und wird nächtlich von merkwürdigen Geräuschen geplagt. Also kauft man eine Kamera, um sich beim Schlafen zu Filmen und zu sehen, was da im Haus vorgeht. Was die Beiden in den folgenden Nächten dann zu sehen bekommen, lässt das Blut in den Adern gefrieren.

Wie schon angemerkt, die Idee erinnert an “Blair…” und man mag dem Film eine gewisse Ideenlosigkeit vorwerfen – dennoch macht er Einiges besser als sein Vorbild. Da wären die Darsteller zu nennen, die natürlich, ganz der Idee des Films verpflichtet, so natürlich wie möglich wirken sollen und daher Laien sind. Teilweise ohne feste Dialoge improvisieren die Beiden perfekt ihr Spiel um die nächtlichen Attacken. Auch “Blair…” versuchte sich an Laien, dort waren diese teilweise doch irgendwann recht nervig. Dann wäre da die Kamera selbst. Da diese hier während der Nachtaufnahmen auf einem Stativ angebracht wird, ist der Film nicht derart überladen mit verwackelten Handkamerabildern, die gerade in “Blair…” doch hin und wieder störend und unangenehm beim Betrachten sind. Und schließlich: Wenn das große Thema die Angst ist, dann platziert “Paranormal…” diese wesentlich greifbarer und beängstigender als “Blair…”. Das Böse ist nicht irgendwo da draußen, wo ich gerade nicht bin und im Dunkeln auch nicht hingehe, es ist hier drin bei mir, in meinem Schlafzimmer, während ich hilflos daliege und schlafe – DAS ist wahrhaft furchteinflösend! Damit ist der Film ganz und gar Sigmund Freud verpflichtet, der “Das Unheimliche” vor allem im Vertrautesten ausmacht. Das Gewöhnliche, Vertraute, Private – kurz das Heim, das Heimliche – verkehrt sich von einer Sekunde auf die Nächste und wird unheimlich. Diesen Terror müssen die beiden Protagonisten und mit ihnen wir Zuschauer durchleiden. Denn die auf dem Stativ montierte Kamera löst sich von jeglicher subjetkiver Perspektive. Sie wird zum Maschinenauge, zum “Monitoring” im Sinne Stanley Cavells, die Alles – wirklich Alles – kommentarlos aufzeichnet. Damit wird zugleich unsere Lust am Zusehen provoziert und befriedigt, wenngleich der Film dann letztlich kaum etwas zeigt. Und doch drückt es uns in den Kinosessel, zaubert eine Gänsehaut auf unserem Körper und lässt uns für einem Moment erstarren.

Endlich wieder ein Horrorfilm, der sein Publikum mitnimmt, Emotionen auslöst! Wann hat man sowas schon erlebt? Der Hype um “Paranormal Activity” ist also tatsächlich wohlbegründet und man nur Jedem raten, sich den Film anzusehen. Eventuell könnte man dann jedoch nachts hin und wieder etwas unruhiger schlafen als bisher. Die Bilder des Films legen sich als Schablone des Unheimlichen vor unsere Augen und führen uns die eigenen Urängste wieder vor. Genau dabei versagt schließlich “Blair Witch Project”, weshalb dieser Film hier eindeutig die bessere Wahl ist.

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