Kanada ist vielleicht nicht unbedingt das Land, welches man als besonders filmisch aktiv bezeichnen würde. Zweifelsohne kommen eine Menge Filme von dort, doch eine “Filmnation” ist Kanada irgendwie nicht. OK, sie haben David Cronenberg und – äähm – ja genau: Bruce McDonald! Nie gehört? Kein Problem. So wird es sicherlich Vielen gehen. Denn irgendwie – schwer nachvollziehbar – hat es McDonald offenbar geschafft, seit den frühen 80er Jahren Filme zu machen, ohne auch nur ansatzweise von der belesenen europäischen Filmkritik bemerkt worden zu sein. Ist ja irgendwie auch eine Leistung, denn die fehlende Aufmerksamkeit hierzulande, lässt sich nicht mit eventuellen Schwächen des Kanadiers begründen. “Pontypool” ist so ein Film, der es nun ganz allmählich schafft, sich durchzusetzen. Ein typischer Kandidat auf Festivals, eher als Programmfüllmasse gedacht, avanciert er urplötzlich und von niemandem vorhergesehen und dementsprechend gehypt, zum Geheimtipp. Fraglich – und allein dies macht “Pontypool” schon so sonderbar und einmalig – bleibt jedoch, für wen dies eigentlich ein Geheimtipp ist? Irgendwie ist es ein Zombiefilm, sogar Blut kommt darin vor – und nichtmal zu knapp. Und doch wird kaum ein Gore-Freund seine Freude an diesem Film haben. Zu kopflastig, schwermütig und verwirrend ist der Plot. Und dennoch: Wer sich darauf einlässt, nicht abschaltet und schön mitdenkt, wird einen fantastischen Film erleben, der trotz seiner abgedrehten Handlung eine unglaublich präzise Beschreibung unserer durch Medien generierten Welt und unserer Wirklichkeit abliefert. Besser ist es jedoch, sich erst den Film anzusehen und dann hier weiterzulesen, ansonsten wird man einige Erfahrungen wohl nicht am eigenen Leib beim Ansehen machen können. Von daher sei dem interessierten Filmfreund nahegelegt, in die nächste Videothek zu gehen, sich den Film anzusehen und dann erst auf diese Webseite zurückzukehren.
Grant ist Radiomoderator in einem kleinen Kaff namens Pontypool. Das tägliche Nachrichtengeschehen ist geprägt durch Nichtigkeiten, wie verschwundene Katzen und Nachbarschaftsstreitereien. Doch an jenem Morgen, als Grant sich ans Mikrofon setzt, wird Alles anders. Der Außenreporter, der eigentlich über das Wetter aus einem Hubschrauber berichtet, der eigentlich ein Dodge ist, ruft aufgeregt im Studio an und schildert live von merkwürdigen Ereignissen innerhalb Pontypools. Ein wütender Mob zieht durch die Strassen und randaliert. Keine einzige Agentur hat von diesem Vorfall bis zu diesem Zeitpunkt etwas über die Ticker geschickt. Selbst im Polizeifunk ist nichts darüber zu hören. Soll Grant an die Aussagen seines Außenreporters glauben und darüber exklusiv und als erster berichten, oder will ihm jemand einen Streich spielen und all das Erzählte ist gar nicht real?
“Pontypool” ist ein Film über Medien, darüber wie Nachrichten funktionieren und wie Medien – die Massenmedien schließlich – einen erheblichen Teil daran haben, Welt und damit Realität zu konstruieren. Schon der Konflikt zu Beginn, als Grant nicht weiß, woran er glauben soll, da nichts über die Nachrichtenagenturen zu erfahren ist, beschreibt eindrucksvoll unsere Welt, die sich nahezu ausschließlich über die Ticker der Agenturen vor unseren Augen und Ohren konstruiert. Eine Tickermeldung scheint realer zu sein, als der Live-Bericht des Reporters vor Ort. Mit diesem Unbehagen wird schließlich auch der Zuschauer allein gelassen. Denn was der Film an dieser Stelle leistet, ist schlichtweg genial. Gleich zu Beginn betritt Grant die Radiostation. Für den gesamten Film werden wir diese Radiostation nicht mehr verlassen. Es gibt keinen Umschnitt nach draussen, zu dem Reporter. Es gibt keinen Blick durch ein Fenster in die Welt da draussen. Selbst als Grant das Studio verlassen will, und man hofft, nun endlich aus dem Gefängnis des Sehens zu entkommen, vermag die Kamera nur Grant in der Tür des Studios zu zeigen. Erneut fehlt der Umschnitt auf die Außenwelt.
So wird man als Zuschauer dieses Films unabdingbar zum Zuhören verdammt. Es ist zwar großartig, wie die drei Hauptdarsteller (neben Grant sind noch zwei Mitarbeiterinnen – Sid und Laurell-Ann – im Studio) auf engstem Raum agieren und niemals Langeweile aufkommt, doch die eigentliche Geschichte, die der Film uns erzählen will, wird tatsächlich nur erzählt – im wahrsten Sinne des Wortes – und nicht gezeigt. Als Zuschauer des Films ist man gebunden an die Berichte des Reporters, an einige Telefonate von Augenzeugen, die sich melden und der “Story”, die Grant live am Mikrofon schließlich daraus macht. Ein Netzwerk von Informationen verknüpft sich und konstruiert Wirklichkeit. Einen Teilnehmer in diesem Netzwerk darf man dabei aber nicht vergessen: den Zuschauer des Films! Denn gerade weil der Film uns nicht zeigt, worüber er spricht, sind wir gezwungen, die Bilder des Films selbst in unser aller Köpfe herzustellen. Unsere Vorstellung – und jeder dürfte ein ganz subjektive, eigene Vorstellung innerhalb dieses Films in seinem Kopf entstehen lassen – arbeitet mit an der Geschichte des Films.
Nicht ohne Grund verweist der Film sehr früh auf Roland Barthes, indem dessen Name direkt benannt wird. Barthes – ein französischer Literaturkritiker, Schriftsteller und Philosoph – der sich sehr mit dem Film, der Photographie und natürlich Texten auseinandersetze, versuchte aufzuzeigen, wie die Herstellung von Wahrheit, Bedeutung und Sinn innerhalb der Sprache – und damit innerhalb jeglicher Texte, wozu nun auch Filme gezählt werden dürfen – in einem Diskurs aller an einem Text beteiligten Personen funktioniert und strukturiert ist. Ein Film als solch ein Text verstanden, gibt dann eben gerade nicht ein für alle mal vor, was er sein soll, von was er handelt, was seine Aussage ist usw. Ein Film gibt bestenfalls Vorschläge, Denkanstöße, Handlungsanweisungen, die durch den Zuschauer jedoch erst noch ausgefüllt werden müssen. Neben dem Regisseur ist der Zuschauer dann mindestens ebenso am “fertigen” Produkt, welches auf der Leinwand zu sehen ist, beteiligt. Und Pontypool führt die Beteiligung des Zuschauers geradezu beispielhaft vor.
Nun wird vielleicht auch deutlich, weshalb ich anfangs davor gewarnt habe, weiter zu lesen, ohne den Film zu kennen. Er beginnt, wie jeder andere Film. Und mit jeder weiteren Minute, die wir gemeinsam mit den Protagonisten im Radiostudio sitzen bleiben, erwartet man, das etwas passiert, wir das Studio verlassen, die Protagonisten nach draussen ziehen, um ihren zwischenzeitlich vermissten Außenreporter zu retten. Unsere filmische Konditionierung, die wir alle dank über 100 Jahren Film längst erworben und verinnerlicht haben, so wie man das Fahrradfahren erlernt und unbewusst ausführen kann, wird dann jedoch mit Füßen getreten. Diese Konditionierung funktioniert nicht mehr. Früher oder später, vielleicht nach 20, 30 oder gar erst nach 40 Minuten dürfte auch dem Letzten klar geworden sein, dass wir das Studio nicht mehr verlassen werden und damit kein einziges Mal einen Blick auf die Geschichte werfen, von der wir die ganze Zeit über hören. Ein Schwindelgefühl macht sich breit, so wie man es beim Aufblasen eines Luftballons erlebt. Unsere unbewusst funktionierende Sehgewohnheite beim Filme schauen, wird ins Bewusstsein geholt und als nicht praktikabel markiert. Der Film ist mit uns in Kontakt getreten und verlangt – sozusagen – ein Reboot des Gehirns. Alles was wir erwarten konnten von diesem Film, wird er nicht erfüllen. Doch was sollen wir dann erwarten? Man weiß es nicht, unser Kopf wird ebenso leer und weiß, wie eine Leindwand ohne Film, und wir müssen langsam anfangen, einen neuen Film darauf zu projizieren.
Und doch – wir gelangen zum medialen Apriori – kommen wir nicht aus der medialen Vermitteltheit heraus. Wir müssen nehmen, was uns – sprachlich – vermittelt gegeben wird. Und so funktioniert schließlich auch unser Bild von der Welt. Wir müssen tagtäglich daran glauben, was uns vermittelt wird. Der Film wählt als plakatives Beispiel Afghanistan. Laurell-Ann war im Krieg in Afghanistan und findet nun ihre Ruhe beim Radio in Pontypool. Man könnte über dieses kleine Detail hinwegsehen, oder aber daran glauben, das dieser Film nichts dem Zufall überlassen hat und jede Kleinigkeit mit Bedacht eingesetzt hat. Das Beispiel Afghanistan führt uns dann nochmal vor Augen, dass dort ein Krieg stattfindet, von dem wir gar nichts wissen, ausser das, was uns in Worten durch die Nachrichtenagenturen darüber mitgeteilt wird. Man muss daran glauben, wir können nicht alle nach Afghanistan und nachsehen, ob es stimmt. Man könnte nun die Bilder des Fernsehens dagegen halten und behaupten, dass wir doch etwas aus Afghanistan zu sehen bekommen. Aber jeder weiß doch eigentlich um die manipulative Kraft der Bilder der Medien. Auch dies führt uns “Pontypool” ja vor Augen. Der Außenreporter, der täglich mit seinem Hubschrauber unterwegs ist, um über das Wetter – quasi direkt vor Ort in der Luft – zu berichten, fährt eigentlich nur mit einem alten Dodge durch die Gegend. Doch die Leute lieben es, daran zu glauben, das die kleine lokale Radiostation tatsächlich einen Mann im Hubschrauber rumfliegen lässt, um Live aus dem Schneegestöber zu berichten. Man darf seinen Augen und Ohren nicht mehr trauen! Wir bleiben hier, unfähig zu sehen, so wie Grant in seinem Radiostudio. Und so ist seine, wie auch unsere Welt zu großen Teilen sprachlich vermittelt und hergestellt.
Darauf will schließlich das Zombiethema im Film hinaus: Die Macht des Wortes. Es kann infizieren, abhängig machen und so abstrus, wie dies im Film mit all den durch bestimmte Wörter infizierten Menschen dargestellt wird, so nah ist dies alles doch an unserem Weltbild dran. Man muss vielleicht die Zombies nur durch religiöse Menschen ersetzen – Am Anfang war das Wort – und heute fruchtet dieses Wort vielerorts auf unserem Planeten in Fanatismus. Italien hat einen ebenso geschickten Machthaber, der seine Macht am Leben erhält, da er sich die Macht des Wortes einverleibt hat…
…viel gäbe es noch zu sagen, aber auch ich bin, ganz im Sinne Barthes, nur ein “sujet impur”, ein unreines Subjekt, gebe nur Denkanstöße als Möglichkeiten vor. In Pontypool kann alles ganz anders gewesen sein, wir wissen es nicht, ich kann dies hier und jetzt auch nicht für jeden Leser dieses Textes entscheiden oder vorgeben, sondern bestenfalls darüber berichten, was ich in diesem Film gesehen habe. Als Zuschauer bin auch ich nur Teil des Ganzen und füge meinen Teil dazu. Vielleicht waren diese Zeilen jedoch interessant genug, um sich selbst einzubringen, in diesen interaktiven Film, der ohne Mitdenken nicht funktionieren wird.
Und weil auch die Wiederholung – als philosophische Kategorie verstanden – Teil von “Pontypool” ist, verwundert es kaum, wenn für das kommende Jahr die Fortsetzung “Pontypool Changes” in den Kinos anlaufen soll. Hoffentlich kennt man dann auch in Europa Bruce McDonald und zumindest diesen Film schon.
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One Comment
Sehr schön geschrieben. Glücklicherweise habe ich, wie angeregt, nach den ersten Absätzen innegehalten und den Film besorgt und soeben gesichtet.
Vielen Dank für den Tipp. Pontypool kein großer Film, sondern ein im besten Sinne kleiner Streifen, der mir genau das gegeben hat was kaum einem Blockbuster gelingen mag: er verbindet Unterhaltung mit der Aufforderung zum Nachdenken.