Endlich! Wie wichtig dieses Wort doch sein kann. Endlich ein schöner Film, ein wunderschöner Film sogar. Nach all den tollen, effektvollen, spannenden, lustigen..usw. Filmen dann tatsächlich mal wieder einer dieser raren, wunderschönen Filme. “Endlich” und “Endlichkeit” ist dann aber auch noch das Thema des Films selbst. Denn es geht (unter anderem) um nichts Geringeres als das Leben, unser aller Dasein selbst – und dieses ist nunmal, obs uns nun gefällt oder nicht: endlich. Schon der erste Satz im Film – wir hören Radio – beginnt mit einem Nachdenken über Herbst, was für viele der “Anfang vom Ende ist”. Damit ist klar, wohin uns der Film führen wird: wir steuern auf ein Ende zu, das Ende des Protagonisten, und natürlich – die Selbstreflexivität des Films lässt grüßen – ist jeder Anfang eines Films zugleich auch stets der Anfang von dessen Ende. Filme sind wie Menschen, sie müssen irgendwann mal zu Ende sein. Mit dem Tag unserer Geburt ergeben sich etliche, um nicht zusagen, unüberschaubar viele Möglichkeiten und Wege, die wir in unserem Leben gehen können – genau wie sich dies für den Film ergibt, wenn er erst einmal begonnen hat-, doch all diese Möglichkeiten sind im Grunde genommen doch nichts weiter, als Zwischenziele auf einer Etappe, deren finales Ziel letztlich der Tod ist. So pessimistisch dies nun klingen mag, und so wenig, wie wir dies gern hören möchten – der Film macht es uns ja vor: Einen Zweifel gibt es nunmal nicht daran, hallo Tatsache. Dies zeigt uns natürlich nicht erst “Synecdoche New York”, all das wissen wir natürlich schon längst – und wir wissen auch, dass dieser Gedanke uns nicht alle in absolute Lethargie oder schlimmer noch vor die Frage, warum bringen wir uns eigentlich Alle nicht einfach um, geführt hat. Begeht ein Mensch Suizid, stellt sich – vor allem aus psychologischer Sicht – doch stets die Frage, wieso die betreffende Person nicht mehr leben wollte. Ist man sich der menschlichen – und daher mithin endlichen – Existenz jedoch bewusst, sollte doch vielmehr die Fragen sein, wieso leben wir Alle noch? Warum bringen wir uns eigentlich nicht einfach Alle um? Was soll das hier eigentlich? Und die Philosophie – wer sonst – liefert uns doch durchaus brauchbare Antworten, oder sagen wir besser: Ansätze, mit denen jeder für sich die Frage nach dem Sinn des Lebens beantworten kann. Schon Filme, trotz ihrer zeitlichen Begrenztheit zeigen uns ja, wie schön dieses Dazwischen zwischen Anfang und Ende sein kann – und vielmehr noch: Wirklich gute Filme laden uns ja stets dazu ein, sie nochmal, wieder und wieder anzusehen, um darin stets aufs Neue vormals Unentdecktes anzutreffen. Die Philosophie der Wiederholung, welche sich hierin beschreiben lässt, wurde jedoch nicht zuerst für den Film gedacht, sondern vor allen Dingen für das menschliche Dasein.
Sören Kierkegaard und Friedrich Nietzsche sind nur zwei überaus lesenswerte Beispiele, die uns verdeutlichen können, wie man aus dem eigentlichen “Nein” zum Leben zur absoluten Bejahung des selbigen gelangt. Und hier kommt nun “Synecdoche New York” ins Spiel, über den an dieser Stelle nur ein Bruchteil dessen, was in diesem Film steckt, überhaupt gesagt werden kann. Es geht um einen Theaterregisseur, der einen – offenbar vor allem – finanzkräftigen Preis gewinnt, um damit ein großes Stück auf der Bühne zu realisieren. Zunehmend wird klar, dass der Regisseur sein eigenes Leben auf die Bühne bringt. Die Bühne – hier greife ich massiv vorweg – umfasst daher alsbald das ganze Stadtviertel und irgendwann schließlich die ganze Welt: Wir alle sind Statisten – Nein! Wir alle sind die Hauptrolle in unserem eigenen Film…also ist das ganze Leben nur ein Film? Eher nicht, also ist der Film gar nicht so fiktiv und der uns umgebenden Welt doch näher als man meint? Schon eher! Leicht wird es nicht, aber wer würde dies auch denken, wenn Charlie Kaufman mitmacht? Etliche Spiegelungen bestimmen große Teile des Films und lassen diesen alsbald als höchst selbstreflexives Meisterwerk in Erscheinung treten. Selbstreflexiv in Bezug auf den Blick des Films auf seine eigenen Bedinungen; selbstreflexiv aber auch in Bezug auf den Blick des Menschen auf den Menschen. Schließlich tauchen sämtliche Figuren, die hinter der Theaterbühne agieren und am Stück mitwirken zwangsläufig auch auf der Bühne auf – und dort dann eben in der Rolle von Figuren, die hinter der Bühne agieren und dort am Stück mitwirken, welches auf der Bühne gespielt wird…usw. Der Mensch blickt sich selbst an, es kommt zu jener Subjekt-Objekt-Umkehrung – jener Fremdexistenz, die bei Jean Paul Sartre bspw. zu finden ist, die das Wesen der Existentialphilosophie bestimmt. Der Mensch ist schließlich in der Lage, sich (nicht nur) als Subjekt zu erkennen, sondern auch und vor allen Dingen als Objekt sämtlicher Handlungen und Wahrnehmungen der anderen Menschen. Ich bin nicht ich, als Subjekt, sondern ich bin der Andere, das Objekt der anderen Menschen, die nicht ich sind. Somit gelangt man dann zur Erkenntnis des Anderen im eigenen Ich, auch davon handelt “Synecdoche” und am Stärksten wird dies ausgeformt in dem Zusammenspiel von Caden Cotard – dem Regisseur des Theaterstücks – und Sammy Barnathan – dem Schauspieler, der den Regisseur Cotard im Theaterstück spielt.
Sammy ist es, der Caden “schon sein ganzes Leben lang beobachtet” und daher offenbar am Besten geeignet sei, die Rolle von Caden zu spielen. Während Sammy also die ganze Zeit über Caden beobachtet – ein Objekt seiner Wahrnehmung sozusagen studiert, wird er im Theaterstück schließlich zu diesem anderen Menschen, sein Subjekt wird zu jenem Objekt. Caden hingegen sieht nur sich, und wenn er Sammy ansieht, dann erblickt er erneut nur sich selbst. Diese beiden überaus gegensetzlichen Positionen müssen sich in einer dramatischen Situation entladen: Sammy findet zu sich selbst, nachdem er sein ganzes Leben lang nur jemand Anderes gewesen war. Jetzt, im wahrsten Sinne, ganz oben angekommen, vermag er aus dieser existentialistischen Erkenntnissituation nicht die richtigen Schlüsse zu ziehen. Bereit zum “Wille zur Macht” ist er am Ende doch nicht fähig, den Nihilismus, das Nein zum Leben zu überwinden und sucht den Freitod.
I’ve watched you forever, Caden, but you’ve never really looked at anyone other than yourself. So watch me. Watch my heart break. Watch me jump. Watch me learn that after death there’s nothing. There’s no more watching. There’s no more following. No love. Say goodbye to Hazel for me. And say it to yourself, too. None of us has much time. (Sammy zu Caden, kurz vor seinem Selbstmord)
Bei Caden bedingt dies offenbar ein neues Denken: Er erkennt plötzlich sich selbst im Anderen, und damit den Anderen in sich selbst und weiß mit dieser Differenz umzugehen: “Ich bin nicht gesprungen, Sammy!”. Zum ersten mal sieht Caden nicht mehr nur noch nicht selbst…Allmählich beginnt er zu verstehen, wie sein Stück aussehen soll. Er sucht nach jenen Momenten, die würdig sind, ewig wiederzukehren…
Kaufman ist bislang in Erscheinung getreten als Drehbuchautor in den Filmen “Being John Malkovich”, “Human Nature”, “Adaptation” und “Eternal Sunshine of a spotless Mind” (Vergiss mein nicht”) und tritt nun, im Falle von “Synecdoche New York” erstmals auch als Regisseur auf. Und einmal mehr, man denke nur an den genialen “Adaptation”, der den skurrilen “Malkovich”-Film um Einiges übertrifft, schafft es Kaufman, sich irgendwie selbst in den Film, in die Handlung hineinzuschreiben und erzeugt eine Form von Selbstreferenz, deren paradoxe Natur uns nicht selten um den Verstand bringt.
Die Selbstreferenz ist hier natürlich in nahezu unerreichter Form in die Narration einbetoniert: Der Regisseur – gespielt von Philip Seymour Hoffman – entwirft ein Theaterstück, welches das Leben des Regisseurs zeigt, der ein Theaterstück entwirft usw. usw. Zunehmend verschwimmen dabei innerfilmische Realität und die Realität des Theaterstücks. Der Darsteller, der den Regisseur spielt, spricht – innerhalb des Theaterstücks – über Dinge, die der “echte” Regisseur ausserhalb des Theaterstücks niemals gesagt hätte. Und doch – schließlich zeigt das Theaterstück ja das Leben des Regisseurs – haben die Aussagen in der Fiktion des Theaters Auswirkungen auf die innerfilmisch realen Personen hinter den Kulissen des Theaterstücks. Was hier jedoch vielmehr deutlich wird, ist die Verwobenheit von Fiktion und Realität – in einem schwierigen Zugriff geht es also auch um das Verhältnis von Film/Kino und Welt, offenbar ein beliebtes Thema bei Kaufman. Dies ist letztlich bereits im Titel des Films eindeutig angelegt und intendiert: “Synecdoche”. Eine Synekdoche bezeichnet eine rethorische Figur, mit Hilfe dieser ein Wort durch einen Begriff aus dem selben Begriffsfeld ersetzt werden kann. Derartige Figuren tauchen bspw. in Teil-Ganzes-Beziehungen auf, in zeitlichen Beziehungen oder auch in grammatisch-nummerischen Beziehungen. Kaufmann entfernt sich ein Stück weit von den Worten und ersetzt die Wörter der Synekdoche mit Bildern. Sämtliche Bilder seines Films sind gleichsam jene Ersetzungen. Die Theaterschauspieler ersetzen die realen Figuren, ebenso wie die realen Figuren die Theaterschauspieler ersetzen. Daher wird es ja überhaupt erst so schwierig, Realität und Bühnengeschehen auseinanderzuhalten. Erst recht dann, wenn ganz New York zur Bühne geworden ist, oder die Bühne zu New York – das spielt keine Rolle mehr. Fiktion und Realität ersetzen sich und vertauschen ihre Rollen. Wieder stellt sich die Frage, nach der Rolle des Films in der Welt in der er stattfindet – in unserer Welt folglich, denn dort in den Kinos und auf DVD und BluRay findet er statt. Film und Welt – darauf weißt die zeitgenössische Filmphilosophie schließlich unentwegt hin – sind nicht strikt zu trennen, der Film denkt über die Welt nach, ebenso wie die Welt über den Film nachdenkt. Eine Synekdoche, vielleicht…
Denn später, wenn allmählich klar wird, dass es gar nicht um ein Theaterstück geht, denn dieses hat viel zu große Ausmaße angenommen, um jemals vor Publikum gezeigt werden zu können, und daher das Theaterstück der Film selbst ist, jener Film, den wir gerade sehen, erkennen wir auch, dass selbst dieser Film schon viel zu komplex geworden ist, um einfach nur noch Film zu sein. Der Film handelt nicht mehr von einem Theaterstück über ein Leben, der Film handelt nun vom Leben, vom Dasein, vom Sein.
Man könnte nun den Rahmen dieser Seite sprengen und diesen Punkt weiter ausführen. Man könnte aber auch einfach abbrechen und den Film wieder und wieder ansehen, um zu verstehen, was wir hier alle eigentlich machen, leben. Der Regisseur des Theaterstücks hat, bei aller Tragik seines Lebens und seiner Geschichte, die so unendlich traurig zu sein scheint, offenbar aber Eines geschafft: zu leben! Er ist sich treu geblieben, er hat die Tragik des Seins, die Endlichkeit erkannt und – so profan es klingen mag – verstanden, das Beste daraus zu machen, nämlich seinen Traum zu verwirklichen, wenngleich kein Publikum daran teilhaben konnte. Aber auch dies gehört nunmal zum Leben dazu:
Du realisierst, dass Du nichts Besonderes bist, Deine Existenz war ein einziger Kampf, der nun still und leise zu Ende geht. Das ist die Erfahrung, die jeder Mensch machen muss. Jeder Einzelne, die Einzelheiten spielen keine Rolle. Alle sind gleich. [...] Wenn die Menschen, die Dich verehrten, Dich nicht mehr verehren, wenn sie sterben, wenn sie weiterziehen, nachdem Du sie verlassen hast, so wie Dich Deine Schönheit und Deine Jugend verlassen haben. Die Welt wird Dich vergessen, Du erkennst Deine Vergänglichkeit. Und Du verlierst nach und nach Deine Charaktereigenschaften. Und während Du endlich lernst, dass Niemand Dich jemals beachtet hat und dass Niemand Dich jemals beachten könnte, denkst Du nur an das Fahren; von Nirgendwo herkommend, Nirgendwo ankommend – nur fahren. Im Fluss der Zeit. Jetzt bist Du hier, es ist 7.43 Uhr. Jetzt bist Du hier, es ist 7.44 Uhr. Und jetzt bist Du…fort… (Aus dem Film “Synecdoche New York”)
Und dennoch vermag der Film aus den eben zitierten Zeilen nicht zum Nein zum Leben zu kommen, sondern landet im exakten Gegenteil. Dies macht zugleich die merkwürdige Tragik des Films, die gleichsam voller Hoffnung ist, aus. So happy, so sad. Das ist die Ode an das Leben, die Kraft des Films, trotz Nennung all der Sinnlosigkeit, der Hoffnungslosigkeit, der Endlichkeit des Lebens genau darin Unmengen an Sinn, Hoffnung und Freude zu markieren. Das Leben ist schön, die Welt ist schön. Und wenn Film und Welt so eng beieinander liegen, dann muss der Film auch schön sein (mir war dies ja ohnehin immer schon klar!). Daher gilt natürlich auch: “Synecdoche New York” ist schön, oder – wie eingangs schon erwähnt: wunderschön. Der Soundtrack zum Film vermag dabei eben dieses Schwanken zwischen Traurigkeit und unendlicher Freude so wunderbar zum Ausdruck zu bringen, dass das Glanzstück aus dem Film, Jon Brions “OK” hier nicht fehlen darf:
Und natürlich: