The Social Network – Keine Filmkritik/Ein Denkansatz

Es ist nun schon eine Weile her, das David Finchers Film über den Facebook-Gründer Mark Zuckerberg – “The Social Network” – in den Kinos lief. Und es ist nicht nur der fehlenden Aktualität zu verdanken, dass an dieser Stelle der Film auch nicht dazu herhalten soll, hier rezensiert zu werden. Gut, dass dies nur ein Blog ist, hier gibts keinen Button für “mir gefällt das”. Denn wenn der Mann, der es inzwischen in der Time zur Person des Jahres 2010 geschafft hat, wenngleich weitaus mehr Leser online für Assange gestimmt haben, mit seiner Idee inzwischen mehr als eine halbe Milliarde Menschen begeistern kann, dürften eben jener Button an diese Stelle nicht allzu oft angeklickt werden…Wieso machen sich aber so viele Menschen keine Mühe, nur mal zwei oder drei Minuten über Facebook nachzudenken? 500.000.000 Menschen weltweit vertrauen Zuckerberg tag für tag jede Menge Privates und noch viel größere Mengen Belangloses an. Was für ein selbstloser Samariter muss dieser Zuckerberg doch sein, dass er all die Strapazen, finanziellen Risiken zu Beginn, den Verlust nahezu aller echten Freunde usw. usf. auf sich nimmt, nur damit wir alle immer mehr “Freunde” finden?

Eines vorweg: Ich habe keinen Facebook-Account, genau genommen bin ich in keinem sozialen Netzwerk angemeldet, ich twittere noch nicht einmal – und dennoch, oder gerade deswegen habe ich Freunde. Also Richtige. Dies ist auch der Grund, weshalb sich mir ein Mehrwert eines Dienstes, wie Facebook einfach nicht erschließen will. Bin ich blind, habe ich vielleicht zu wenige Freunde? Nur was bedeutet Freundschaft noch, wenn der Freundeskreis in erster Linie aus einer digital erstellten Liste mit kleinen, unscharfen Profilfotos besteht? Wenn dies Freundschaft ist, dann hat Zuckerberg vermutlich Alles richtig gemacht, denn solche Freunde brauche ich nicht. Gut, hier bin ich vielleicht etwas eigen, unnormal, gesellschaftsfremd, kann nicht mit den Trends gehen. Die Welt wird globaler…schon gut. Aber wieso sollte ich mein Privatleben derart öffentlich machen?

Da vergeht kaum ein Tag, an dem Datenschützer nicht rumjammern, dass unsere Privatsphäre im Netz zu unsicher sei, das große Firmen sozusagen im Dauereinsatz sind, Informationen über uns zu sammeln und alle Welt jubelt es ihnen im Chor nach. Was wird nicht Woche für Woche auf der Datenkrake Google herumgehackt, selbst ich muss mich nicht selten rechtfertigen, einen Mailaccount bei Google zu nutzen – und demgegenüber steht dann eben diese halbe Milliarde an Menschen, die ohne darüber nachzudenken, ohne große Sorge und schlechtes Gewissen freiwillig jede kleinste Kleinigkeit Herrn Zuckerberg überantworten! Wenn Google eine Datenkrake ist, dann ist Facebook der Holocaust des Privatlebens!

Freundschaft ist nicht mehr das, was sie mal war. Früher zumindest verstand man darunter doch das gesellige Beisammensein, persönliche Hilfe – in guten wie in schlechten Zeiten zusammenstehen. Was hat Facebook in diesem Zusammenhang dann also noch mit Freundschaft zu tun? Viele meinen, soziale Netzwerke bringen einander näher. Ist das wirklich so? Wirkt Facebook nicht viel eher als Trennung – getrennt sein von Mensch und Welt? Wo ist das Soziale in einem sozialen Netzwerk. Wo liegt in der Kommunikation zwischen Avataren bei Facebook noch ein Unterschied zu Second Life oder anderen virtuellen Welten? Mit jedem weiteren hinzugeklickten Freund auf Facebook entfernt man sich ein Stück weit mehr aus der uns umgebenden Welt. Facebook ist nicht Teil dieser Welt, Facebook ist eine eigene Welt, ohne Menschen, ohne Freundschaften – Computer und Internet sind nur die Schnittstelle zwischen beiden Welten. Mark Zuckerberg ist voran gegangen, egomanisch, kaltschnäuzig und soziopathisch, und auf diesem Weg, eine Plattform für Freundschaften zu schaffen hat er nahezu jede echte Freundschaft aus seinem früheren Leben verloren. Viele Nutzer scheinen nun den gleichen Weg beschreiten zu sollen. Soziale Kontakte verkümmern, stattdessen verkriecht man sich, sozusagen ganzjährig, zum zwischenmenschlichen Winterschlaf vor den Monitor, welch´herzliches Ambiente!

Leute wie ich, werden inzwischen nicht mehr dafür belächelt, dem Ganzen nichts Brauchbares abgewinnen zu können – vielmehr sorgt die Erwähnung, man habe keinen Facebook-Account zu glaubhaftem Entsetzen. Mein eigenes Entsetzen, als ich neugierig angetrieben selbst mal einen Account anlegte, nur um zu sehen, was für so viele Menschen inzwischen so unverzichtbar ist, war jedoch um Welten größer: Ich hatte nach der ersten Anmeldung noch keine Suche nach “Freunden” unternommen, hatte zudem mein Profil zu unpersönlich wie nur irgendwie möglich gehalten, hatte in Sachen Wohnort und Geburtsdatum gar falsche Angaben gemacht. Die einzig personalisierte Angabe, die ich gemacht hatte, war meine Emailadresse und dies genügte offenbar schon, damit ich nahezu jeden mir bekannten Email-Kontakt aus meinem näheren Umfeld als Freund vorgeschlagen bekam. Dies mag für den Einen oder Anderen vielleicht absolut toll und einstiegserleichternd sein, ich war und bin jedoch ernsthaft besorgt und beunruhigt. Der Facebook-Account wurde umgehend deaktiviert, wenngleich mir klar ist, dass meine Daten auf alle Zeit bei Herrn Zuckerberg verbleiben werden. Wie dem auch sei, ohne Facebook geht das Leben auch weiter, m.E. sogar viel schöner, persönlicher, freundlicher, herzlicher. Deshalb kann ich auch ruhigen Gewissens behaupten: Ohne Facebook-Anmeldung besteht auf meiner Seite keinerlei Mangel, sondern bei denen, die Facebook nutzen. Ich habe mein Privatleben noch, ich habe meine Freunde noch! Es besteht natürlich wenig Hoffnung, dass die Welt irgendwann dahinter kommt, und feststellt, Facebook war nur Zeitverschwendung, hielt von Nützlichem, Wesentlichem, kurz: vom Leben ab. So wie in Millionen von Haushalten abends nach der Arbeit wie von automatischer Selbstverständlichkeit getrieben der Fernseher angeschaltet wird, ohne darüber nachzudenken, wie man sich nicht der eigenen Aktivität durch Medien berauben lassen könnte, so leistet auch Facebook einen entscheidenden Beitrag dazu, vom eigenen Denken und Nachdenken über das Leben abzulenken. Gut, dass man dann 2000 Freunde bei Facebook hat, mit denen man gemeinschaftlich über nichts mehr Denken muss. Was Neil Postman einstmals über Medien, im Speziellen über das Fernsehen mit seinem Buch “Wir amüsieren uns zu Tode” zum Ausdruck brachte, lässt sich nun in abgewandelter Form auf Facebook erweitern: Wir vernetzen uns zu Tode.

Goethe sagte mal, man solle jeden Tag wenigstens ein kleines Lied hören, ein gutes Gedicht lesen, ein treffliches Gemälde sehen und, wenn es möglich zu machen wäre, einige vernünftige Worte sprechen. Hieran sollte es doch ein Leichtes sein, anzuschließen, um für sich selbst zu entscheiden, was das Leben an jedem einzelnen Tag etwas angenehmer machen könne. Facebook gehört sicherlich nicht dazu, um das Leben schöner zu machen. Jeder, der Facebook für nützlich und unverzichtbar hält, hat doch irgendwie schon aufgehört zu leben.

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