“Undercover Boss” – Deutschland auf dem Weg nach ganz unten

Derjenige in diesem Land, der noch fähig ist selbst zu denken, insbesondere aber auch beim Gebrauch von Medien aller Art, sei es im Kino, beim Zeitung lesen oder eben beim Fernsehen, durchaus gewillt und fähig ist mitzudenken, macht sowieso einen großen Bogen um Privatsender, allen voran RTL. Dennoch entgeht es auch diesem besorgten Blick all jener Normaldenkenden nicht, dass RTL jedes Jahr aufs Neue, wenn man meint, schlimmer und dümmlicher geht es nicht mehr, noch einen drauf – oder sagen wir aus Niveausicht besser drunter – setzt. Die Verdummung der Massen schreitet unaufhörlich voran und erreicht in diesem Jahr, zugegeben recht frühzeitig, mit der neuen Dokusoap “Undercover Boss” einen neuerlichen Tiefpunkt deutscher Fernsehunterhaltung – so schwer die Verwendung des Begriffs “Unterhaltung” an dieser Stelle auch fällt.

Der Chef eines großen Unternehmens, der mit der täglichen Arbeit, die an der Basis seiner Firma verrichtet wird, ungefähr noch soviel zutun hat, wie RTL an der Erzeugung von qualitativ ansprechenden Formaten, begibt sich eben undercover an die Basis um dort selbst aktiv zu werden. Es gehe hierbei natürlich nicht darum, die eigenen Mitarbeiter auszuspionieren – dies würde dank dieses Formats ja sowieso nicht klappen, denn eine derartige Vorstellung ist schlichtweg paradox und offenbart zugleich das sinn- und zweckfreie Konzept dieser Sendung (aber dazu gleich mehr). Es geht vielmehr darum, das der Chef einen Eindruck darüber gewinnen will, ob und wie die Entscheidungen, die er im kleinen Kreis am Schreibtisch trifft, überhaupt noch umgesetzt werden können. Aha!

Der Plan von RTL ist dabei umso leichter zu durchschauen: Die Wahl der Unternehmen, in denen der Boss undercover als Arbeitsloser einsteigt, der sich bei seiner Jobsuche von einem Fernsehteam filmen lässt (so die Erklärung, die die Mitarbeiter bekommen), macht dies bereits überdeutlich. Da sah man den Chef der Best Western Hotelkette beim Zimmer – insbesondere beim Klo putzen. Man war zu Gast bei Adco, dem Hersteller und Vermieter von Dixie-Toiletten – und wieder durfte der Chef anderer Leute Mist wegputzen. Es geht also in erster Linie um Schadenfreude. Und Dumm-Dumm-Deutschland schaut massenweise zu und träumt jeden Montag abend davon, wie erfüllend es doch wäre, wenn der eigene Chef mal die Scheisse anderer Leute wegmachen müsste. Die Bosse der Unternehmen machen dies natürlich – mehr oder weniger – gern mit. Denn der prominente Sendeplatz am Montag abend, direkt nach Quotenzugpferd “Wer wird Millionär?” um 21.15 Uhr – also genau dann, wenn RTL bereits mehrere Millionen Menschen sämtlicher Unterschichten und Unter-Unterschichten bei sich versammeln kann, bietet dem netten, smarten Firmenboss doch die beste und noch dazu völlig kostenfreie Gelegenheit, 60 Minuten lang eine Dauerwerbesendung zu Imagezwecken zu präsentieren.

Paradox ist die gesamte Sendung allein schon deshalb, weil der Chef selbst natürlich niemals von eventuellen Problemen, da unten an der Basis, auf diese Weise etwas mitbekommen wird. Jeder Erstsemesterstudent der Medienwissenschaften weiß doch, dass Menschen sich anders verhalten in Anwesenheit einer Kamera. Das war schon immer so und das wird auch immer so bleiben. Schon allein deshalb ist ja auch “Big Brother” kein Reality-Format, sondern ein fiktives. Gezeigt wird nicht die Realtität, das Zusammenwohnen von Menschen, sondern gezeigt wird die Realität in der bewussten Anwesenheit der Fernsehkameras. Wer würde sich also in “Undercover Boss” dazu hinreißen lassen, vor laufenden Kameras in irgendeiner Art und Weise abwerten vom eigenen Job oder dem Unternehmen zu reden. Selbst wenn man nicht weiß, dass der Boss doch eigentlich direkt daneben steht, wenn man gefilmt wird, so muss man doch davon ausgehen, dass der Boss zumindest am Montag abend zusehen könnte. Wirkliche Basis-Probleme, die die guten Samariter-Manager doch so gern in Erfahrung bringen würden durch ihren selbstlosen Einsatz, lassen sich in dieser Fernsehshow also nicht klären. RTL kann dies nicht wissen. Man benutzt zwar das Medium Fernsehen, weiß aber um dessen mediale Eigenschaften überhaupt nichts. Diese Rolle ist vergleichbar mit jemandem, der intensiv die Konstruktion und den Aufbau eines Flugzeugs studiert. Man hat dann zwar eine sehr genaue Kenntnis darüber, wie ein Flugzeug funktioniert, fliegen kann man es deshalb aber unter gar keinen Umständen.

Abschließend bleibt wieder einmal die Frage, wann RTL bereit ist, sich selbst unter die Lupe zu nehmen. Dies ist schließlich nicht das erste Format dieser Art, dass Unternehmen in Deutschland auf den Zahn zu fühlen versucht. Man denke nur an “Extra” mit Birgit Schrowange. Woche für Woche ging es da in erster Linie darum, die Qualität deutscher, zumeist handwerklicher Unternehmen, mit versteckter Kamera zu denunzieren. Schrowange nahm dem geistig entmündigten Publikum vorab schon die Entscheidung zur Schadenfreude ab, da sie selbst diese Schadenfreude schon in den Ankündigungen der nächsten Beiträge überdeutlich zur Schau brachte: “Dreist, so zocken Fernsehmechaniker sie bei der Reparatur ihres kaputten Fernsehers ab”; “Unglaublich, so wird das Gewicht ihres Frischfleischs am Supermarkt mit Wasser aufgepumpt”. Wie wäre denn mal eine “Extra”-Sendung über RTL: “Wahnsinn, so verblödet RTL seine Zuschauer”; “Skandal: DSDS-Werbebeiträge landen als journalistisch wertvolle Einspieler in den Hauptnachrichten des Kölner Privatsenders”? Wann geht Anke Schäferkordt mal undercover in ihr eigenes Unternehmen und lernt die Leute kennen, die sich diese und andere dümmliche Formate Tag für Tag ausdenken?

Und wann wacht Deutschland endlich mal auf und beginnt, seine Zeit wieder sinnvoller zu nutzen und nicht widerspruchslos jeden Dreck von RTL zum Erfolg zu machen? Es kann doch wahrlich keine Erfüllung nach einem anstrengenden Arbeitstag sein, von RTL eingeladen zu werden zum kollektiven Hirn ausschalten…Wo soll das alles noch hinführen?

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