Woody Allen ist inzwischen mehr Europäer als US-Amerikaner, zumindest aus filmischer Sicht. Mit Geld aus Hollywood zieht es Allen seit geraumer Zeit vor, lieber in Europa zu drehen, und seinen Filmen bekommt dies durchaus gut. Das “Vicky Cristina Barcelona” dann auch noch ein besonders guter Film wird, der auch hierzulande mal mehr als 100.000 Zuschauer in die Kinos lockte, mag nicht zuletzt auch an dem fabelhaften Starensemble liegen, welches Allen für sein Publikum auffährt. Die 100.000er-Marke knackte der Film bereits an seinem Startwochenende und bescherte Allen damit seinen erfolgreichsten Deutschlandstart in seiner bisherigen Karriere. Seit Mai ist der Film nun bereits auf DVD und BluRay erhältlich und bedürfte eigentlich keiner weiteren Erwähnung mehr, wenn da nicht ständig das Vorurteil wäre, dass dies ein Film über die Liebe sei.
Das ist er wohl, ganz ohne jeden Zweifel aber nicht nur, sondern vielleicht nur ein wenig am Rande. Daneben ist er aber noch viel, viel mehr. Ein Film über das Leben, das Gute und das Langweilige, ein Film über Medien, ein Film über die Kunst, ein Film über Filme sowieso und natürlich auch ein Film über die Zeit.
Gilles Deleuze unterscheidet zwei große Formen im Kino: das Bewegungsbild und das Zeitbild. Ersteres ist das Handlungskino, Aktionen und Bewegung bestimmen diese Form. Das Zweite ist, wie der Name schon vermuten lässt, dadurch gekennzeichnet, dass die Aktion, die ständig fortschreitende Handlung ausgesetzt wird, jene Filme machen die Zeit auf ihre Art und Weise selbst zum Thema. Und was macht Woody Allen hier: er legt beide Formen raffiniert übereinander.
Im Bewegungsbild unterscheidet Deleuze den Film einmal mehr in die große und die kleine Form. Die große Form führt den Zuschauer in eine Situation ein, im weiteren Verlauf ergibt sich aus dieser Situation Aktion, die Handlung setzt ein und führt am Ende schließlich zu einer neuen, veränderten Situation (S-A-S`). “Vicky Cristina Barcelona” scheint auf die selbe Weise zu funktionieren. Vicky und Cristina kommen in Barcelona an und wollen den Sommer verbringen. Die Situation ist klar und die Aktion meldet sich in Form von Juan, der die beiden zu einem Ausflug und unverfroren auch zum “Liebe machen” einlädt. Die Situation wird aufgelöst durch eine Reihe unzähliger Aktionen, die zwischenzeitlich immer wieder neue Situationen hervorrufen, die sich erneut als Ursache für weitere Aktionen entpuppen – das Bewegungsbild und die große Form, ganz im Sinne von Deleuze. Doch worauf läuft die ganze Handlung schlussendlich hinaus? Auf eine veränderte, von der Anfangssituation verschiedene, neue Situation? Eher nicht. Nach 96 Minuten wird man feststellen, dass Alles so ist, wie es vorher schon war. Im Prinzip ist nichts passiert, jegliche Aktionen des Handlungsfilmes werden relativiert. Was hat uns der Film dann aber noch gezeigt, wenn es nicht seine Handlung ist? Die Zeit! Das Zeitbild meldet sich zu Wort und mit ihm Allens wunderbarer Blick auf das Leben, und wie die Zeit vergeht, und wie jeder irgendwie weitermacht, Tag für Tag anders und am Ende doch immer das Selbe.
Vicky heiratet ihren Mann, obwohl sie ihn nicht wirklich liebt. Judy Nash, eine Freundin von Vickys Familie, durchlebt mit ihrem Mann Marc das gleiche Schicksal, ist jedoch zu alt, um noch zu handeln, um aus der Situation mittels Aktion eine neue Situation zu machen. Sie rät Vicky zum Handeln, zur Aktion, doch Vicky lässt die Zeit verfliegen, sie verweilt in ihrer Situation. Etwaige Aktionen, wie die kurze Affäre mit Juan, bleiben folgenlos. Die Zeit vergeht und nichts passiert, abgesehen davon, dass das Leben weitergeht.
Cristina beginnt auch eine Affäre, eine von vielen in ihrem Leben. Man könnte meinen, sie kennt gar keine Situationen, sondern nur Aktionen, denn wirklich zufrieden ist sie niemals, ständig auf der Suche nach sich selbst, ständig in Bewegung, ständig in Aktion. In ihre Affäre mit Juan drängt sich eines Tages dessen Ex-Frau. Alles scheint perfekt. Eine perfekte Situation für Alle drei, Liebe zu dritt. Doch Cristina hält das Perfekte nicht aus, sie kann mit der Situation nicht umgehen, sie muss in Aktion treten und verlässt Juan und Maria Elena. Für Juan und seine Ex-Frau ergibt sich daraus wieder die selbe Situation wie immer: Sie streiten sich, sie lieben sich und sie werden sich wieder trennen. Wie immer, nichts hat sich verändert.
Für Cristina bleibt aber auch Alles wie gehabt. Sie tritt wieder in Aktion, begibt sich auf die Suche nach einer Situation, mit und in der sie leben kann, unwissentlich, dass sie diese nicht finden wird. Denn Situationen können sie nicht glücklich machen, sie braucht die Veränderung. Veränderung ist ihre feststehende Konstante im Leben, es ist ihr Leben in Aktion zu bleiben, in Cristina fallen Stillstand und Veränderungen zusammen, sie symbolisiert das, was Woody Allens Film ist: Bewegungsbild und Zeitbild zugleich, Cristina symbolisiert auch das Leben, immer weiter, jeden Tag neu, jeden Tag was Anderes und daher jeden Tag das Selbe.
In diesem Sinne ist “Vicky Cristina Barcelona” dann tatsächlich ein Liebesfilm, mit einer Liebeserklärung an das Leben, das hier auf so herzliche Weise verfilmt wurde.