Es war einmal…Kino. Tarsems “The Fall”

“Los Angeles, long, long ago.” Kurz nach dem opulenten, in schwarz-weiß gedrehten Vorspann weist uns Tarsem Singhs (The Cell) neuer Film, der eigentlich schon gar nicht mehr so neu ist, den Weg, den es zu beschreiten gilt: Ein Blick zurück auf das, was einmal Film war, soll uns nun für die Zukunft, die nächsten 117 Minuten zumindest auch dahin wieder zurückführen. Es war einmal das Kino! Und es könnte auch einmal wieder Kino werden. Was man dann in den folgenden knapp zwei Stunden bestaunen darf, mag dem Einen oder Anderen vielleicht langweilig vorkommen. Hier ist nichts, oder sagen wir fast nichts, mit dem Computer gemacht worden: echte Schauplätze anstatt Studiokullissen, echte Menschen als Schauspieler anstatt etablierter Schauspieler, die sich selbst darstellen, Bilder und Emotionen anstatt Action und Worte.

Bereits 2006 fertiggestellt, hatte der Film zu diesem Zeitpunkt bereits vier Jahre Entstehungszeit hinter sich, was vor allen Dingen auch daran lag, da man an unzähligen Originalschauplätzen, überall auf der Welt gedreht hatte und dies nun einmal Zeit benötigt. Herausgekommen sind dabei Bilder, die den Gang ins Kino schon Wert sind. Hierzulande weiß man aber nichts von der Kraft des Kinos, die einstmals von dort ausging. So darf man sich immerhin noch glücklich schätzen, dass es der Film jetzt, drei Jahre später, auf BluRay und DVD geschafft hat. Kein Ersatz für die große Leinwand, aber immerhin eine Veröffentlichung. Eine Veröffentlichung aber auch, die einmal mehr untergehen und kaum wahrgenommen werden wird, da das heutige Publikum schon zu sehr darauf eingestellt ist, mit dem kühlen, emotionslosen animierten Blech und völlig überladenen Kitsch-Universen à la George Lucas mitzufiebern. Mit echten Bildern und Gefühlen können die Meisten schon nichts mehr anfangen.

Wir befinden uns in einem Krankenhaus in Los Angeles, kurz nach der Geburt des Kinos und dessen weltweiter Verbreitung. Ans Bett gefesselt lernt man so den Stuntman Roy kennen, der nach einem Unfall gelähmt ist und sich nichts so sehr wie den eigenen Tod wünscht. Da taucht die kleine Alexandria auf, die faszniert ist von Roys Geschichten und ihm stundenlang am Bett zuhört. Roy sieht seine große Chance gekommen und verlangt als Lohn für seine Geschichte, dass Alexandria ihm Morphium besorgt. Sie kommt, unwissend, was Roy eigentlich vor hat, dem Wunsch nach, holt jedoch zu wenige Tabletten…

Diese Geschichte, die ausschließlich im Krankenhaus stattfindet, wird dabei immer wieder unterbrochen, von der farbenfrohen Bilderwelt, welche Alexandria aus den Geschichten von Roy in ihrem Kopf entstehen lässt. Es ist Alexandrias Naivität und ihre kindliche Unschuld, die die Geschichte von Roy selbst immer wieder prägen und Einfluss darauf nehmen. Doch Roy gibt nicht auf und lässt seinen Missmut immer wieder einfließen. Spätestens dann, wenn er betrunken oder unter dem Einfluss von Tabletten ist, hat Alexandria keinen Einfluss mehr auf “ihre” Geschichte und wird mitgezogen in ihre und Roys Welt voller Gewalt und blindem Hass.

Tarsems “The Fall” erzählt aber nicht nur diese Geschichte, der Film selbst erzählt auch noch eine ganz andere Geschichte, die Geschichte des Films, wenn man so will. Die Wechselbeziehung zwischen Alexandria und Roy spiegelt die Filmwelt mit all ihren Schönheiten und Grausamkeiten wieder. Roy ist der Regisseur, Opfer des Studiosystems, er will seinen Film erzählen, wie er gern will, wird durch die Filmindustrie jedoch zum Grüppel gemacht. Unfähig sich zu bewegen, ist er den Launen der Produzenten und Studios hilflos ausgeliefert. Alexandria steht in Teilen für dieses Studiosystem in Hollywood: naiv und oftmals nicht in der Lage zu begreifen, mit welcher Symbolkraft ein geschickter Regisseur (wie Roy) arbeiten könnte, wenn man ihn nur lassen würde. Immer wieder platzt Alexandria, wie auch die großen Studios in den Entstehungsprozess der Geschichte hinein und bittet um Veränderungen. Roys Geschichte wird allmählich zur Geschichte von Alexandria. Jeder Regisseur, der sich mit den großen Studios einlässt, wird ein Liedchen davon singen können.

Roy ist jedoch ein Meister der Verschleierung, ein echter Regisseur eben. Wenn Tarsem im zugehörigen Booklet zur BluRay von “The Fall” beschreibt, wie man den Studios in Hollywood eine Geschichte verkaufen muss, dann wird Roys Rolle umso deutlicher: “Wenn man einem Hollywood-Studio eine Filmstory anbietet, verrät man den Leuten dort nie, wie man diese Geschichte tatsächlich erzählen will. Man bietet stattdessen die Story so an, wie man glaubt, dass die Studiobosse sie hören wollen. [...] Man versucht, ihr Interesse aufrecht zu erhalten und beobachtet ihre Reaktionen. Wenn sie anfangen, auf die Uhr zu schauen, fügt man schnell eine Portion Action oder Sex hinzu.” [1]

Roy versteht es genau auf diese Art, sein Studio (Alexandria) bei Laune zu halten. Und er schafft es ganz nebenbei die eigentliche Geschichte, die er erzählen will, geheim zu halten: seinen Versuch, sich selbst umzubringen, der sich hinter dem epischen Märchen, welches Alexandria sieht, versteckt. Man mag sich dabei verlieren können in den einmaligen, auf der Leinwand so sicherlich noch nicht gesehenen Bildern. Hier offenbart Tarsem nicht nur sein Talent, Bilder zu entwerfen, sondern zugleich auch die Kraft des Kinos wieder aufleben zu lassen – jene Kraft die das Kino immer schon besaß, sie jedoch nicht mehr zu nutzen weiß, da es schlichtweg einfacher geworden ist, Alles am Computer zu machen, als vor die Tür zu gehen und die Schönheit dieser Welt auszunutzen. Maschine essen Seele auf. Dafür steht das kommerzielle Kino unserer Zeit. Und ehrlich gesagt: Abgesehen von ihrer technischen Perfektion haben die Bilder des Kinos doch jeglichen Reiz verloren. Kino wird immer mehr zum Videospiel, wohl auch, da Filme die Einnahmequellen auf nachgelagerten Märkten für PS3 und XBox vorbereiten sollen. Einen Film gucken ist dann aber etwa so spannend, wie einem Freund beim Videospiel zugucken zu müssen. Auch dies vermag Tarsem zu thematisieren.

Zweifelsohne sind es gewaltige Bilder, die es da zu bestaunen gibt, doch die Handlung in diesen Bildern, die immerhin echt und nicht digital gemacht sind, ist eher dürftig, vermag niemanden wirklich mitzuziehen. Doch die Episoden im Krankenhaus wirken gerade wegen ihrer bildlichen Leere umso ergreifender. Tarsem kombiniert die Bilderpracht der einen Welt mit den Gefühlen der anderen, innerfilmisch echten Welt. Man muss sich schon darauf einlassen, um das Schockierende in diesem Krankenhaus mitzuerleben. Aber dies ist leider eine Eigenschaft, die dem breiten Kinopublikum durch Michael Bay und anderen Mörder des Kinos, geraubt wurde. Wenn Roy die Tabletten nimmt, kann es den fähigen Filmzuschauer nicht unberührt lassen. Immerhin nimmt er in diesem Moment, glaubend genügend Tabletten genommen zu haben, Abschied von Alexandria, die in ihrer Naivität natürlich nicht mitbekommen hat, dass sie gerade aktive Sterbehilfe geleistet hat – was für eine dramatische, emotional wuchtige Szene!! Der emotionalste Moment ist dann gegen Ende zugleich auch der bildschwächste: Alexandria liegt verletzt auf dem Krankenbett und wird von Roy besucht. Dieser hat offenbar erkannt, was er da von dem kleinen fünfjährigen Mädchen verlangt hat und diese beim Versuch, Tabletten zu stehlen, selbst fast umgekommen wäre. In tiefer Reue entwickelt er Mitgefühl für dieses Kind und schließlich so etwas wie Verantwortung. Sein Leben bekommt allmählich wieder einen Sinn. So beenden beide, Alexandria und Roy, unter Tränen vor Trauer und Glück nun endlich ihre Geschichte mit einem Ende, welches sie zusammen entworfen haben. Regisseur und Studioboss haben zueinander gefunden – ein Hoffnungsschimmer!

Tarsem legt aber nochmal nach: Nach den prachtvollen Bildern, kommen noch viel prachtvollere. Ein Zusammenschnitt alter Stummfilmaufnahmen mit wagemutigen Stuntszenen zeigt uns allen, wie einfach und wie schön das Kino einmal war, als noch alles wirklich gemacht und nichts der Maschine überlassen wurde. Hier sieht man Bilder, bei denen man den Atem anhält, man zusammenzuckt, man erstaunt und überrascht ist. Ein Film wie “Transformers”, bei dem immer schon klar ist, dass Alles nur virtuell am Computer existiert, kann man auf diese Art und Weise einfach nicht mehr mitfiebern. Das Spektakel verkommt zur Langeweile. Und vielmehr noch, als diese oder jene Computeranimation uns vielleicht dazu verleiten mag zu fragen, wie man dies wohl gemacht hat, zeigen doch gerade diese letzten Stummfilm-Minuten in Tarsems “The Fall”, wie schwierig richtiges Kino sein kann. Insofern macht man es sich mit dem Computer doch ziemlich einfach und bereitet der kreativen Kraft des Films ein jähes Ende.

“The Fall” ist der hoffnungsvolle Rückblick, der zugleich auch nach vorne blickend verstanden werden sollte.
Eine Kinoauswertung in Deutschland kann nunmehr nicht mehr bestaunt werden. Zur Veröffentlichung für das Heimkino gibt es derzeit ein preislich attraktives Mediabook von Capelight. Enthalten ist darin ein 24-seitiges Booklet, eine DVD mit jeder Menge Bonusmaterial, der Hauptfilm auf DVD und eine etwas längere Fassung des Films auf BluRay. Das Mediabook ist beispielsweise bei AMAZON für 23,99 EUR zu haben.

[1] Zitat aus dem Mediabook von “The Fall”, Capelight, 2009, Art.Nr. 6408660

Inception. Erster Teaser!

Es ist noch eine lange Zeit, vielleicht kann man sich ja schonmal gedanklich darauf einstimmen. Im Sommer 2010 startet Nolans “Interception”, und es steht zu erwarten, dass sich das Regie-Wunderkind erneut selbst übertrifft. Bislang kann man in Nolans Schaffen zumindest noch keinen Makel ausmachen: “Following” (1998), “Memento” (2000), “Insomnia” (2002), “Batman Begins” (2005), “The Prestige” (2006), “The Dark Knight” (2008) und nächstes Jahr also “Inception”. Inhalt zuweilen noch streng geheim, aber der Teaser sieht so toll aus, dass er an dieser Stelle und gut ein Jahr vor Kinostart hier durchaus schonmal Erwähnung finden sollte:

Preview: “My Son, My Son, What have ye done”

Klingt nach Weihnachten, oder aber gar Weihnachten und Ostern zusammen. Werner Herzog (“Fitzcarraldo”) hat seinen neuen Film fertig gestellt, der produziert wurde von David Lynch. Allein der Trailer zeigt schon, dass die Handschrift beider Regisseure auf wundervolle Weise hier in Einklang gebracht wurde. Gedreht wurde, wie schon “INLAND EMPIRE” auch, komplett digital. Wer mit Lynch zusammenarbeiten will, muss sich daran wohl zwangsläufig gewöhnen, denn was anderes will dieser ja nicht mehr verwenden.

Die Geschichte beruht auf einer wahren Begebenheit, wenngleich Details derzeit noch kaum bekannt sind: Es geht um einen Mann, der seine Mutter mit einem Schwert umgebracht hat. Um diese Tat als Zentrum entfaltet sich die Handlung des Films sowohl rückwärts als auch vorwärts (hat sich hier jemand von “LOST” inspirieren lassen?!). Die Weltpremiere des Films ist für September angekündigt. Dort soll der Film im Rahmen des TIFF (Toronto International FilmFestival) zum ersten Mal der Weltöffentlichkeit gezeigt werden. Bei den Darstellern sieht man teilweise viele Bekannte aus dem Lynch-Universum wieder: Willam Dafoe (“Wild at Heart”) ist ebenso dabei wie Brad Dourif (“Blue Velvet”; “Dune”) und Grace Zabriskie (“INLAND EMPIRE”). Neben dem deutschen Regisseur findet sich unter den Darstellern ein weiteres, bekanntes Gesicht aus Deutschland: Udo Kier.

Na dann:

Preview “District 9″

Vor gar nicht allzu langer Zeit hatte ich bereits auf die erste große Überraschung aus den USA hingewiesen: “The Hangover” machte zumindest was seine in kürzester Zeit generierten Umsätze an den Kinokassen anbelangte, auf sich aufmerksam und inzwischen kann wohl auch mit Fug und Recht behauptet werden, dass das Ansehen dieses Films sich ohne jede Einschränkung lohnt.

Und schon kündigt sich das zweite Highlight dieses Sommers an, welches so sicherlich niemand auf seiner Liste hatte: “District 9″, in den USA gerade angelaufen, in Deutschland für den 22. Oktober vorgesehen, spielte an seinem Startwochenende schonmal locker seine Kosten wieder rein. Nun muss dabei natürlich erwähnt werden, dass der Film ohnehin nur lächerliche 30 Mio US-$ gekostet hat. Am Startwochende kamen an den Kinokassen der USA aber immerhin beachtliche 37.4 Mio US-$ zusammen, was somit auch gleich direkt auf Platz 1 der dortigen Charts führte. Da hatte selbst der große Hype um “G.I. Joe” keine Chance mehr. Der Film erstaunt umso mehr, da dies mal wieder ein atemberaubendes Beispiel dafür ist, wie man Filme auch noch preiswert herstellen kann und diese dennoch gut aussehen können. Zumindest muss dieser Film allein mit Blick auf dessen Optik und Design keine Vergleiche mit Hollywoods Blockbustern scheuen. Und wenn man bedenkt, dass dieser Film hier gerade einmal 30 Millionen gekostet hat, “Transformers 2″ aber locker 230 Mio. US-$ verbraten hat, dann muss man sich, abgesehen von den sicherlich hohen Stargagen doch fragen, wo all die Gelder hinwandern, die Effekte allein können es definitiv nicht sein.

Aber worum geht es eigentlich: 30 Jahre ist es nun schon her, als Aliens auf der Erde gelandet sind. Aber der sonst im Sci-Fi-Genre übliche Angriff auf die Menschheit bleibt aus. Genau genommen passiert nichts, denn die Aliens selbst sind Flüchtlingen, die als letzte Überlebende ihres Planetens Zuflucht auf der Erde suchen. Die Erdlinge reagieren, wie Erdlingen offensichtlich reagieren müssen: Das Raumschiff wird inklusive Aliens nach Südamerika gebracht und dort in einem abgesperrten Gebiet – dem Distric 9 – von der übrigen Menschheit abgeschirmt. Eine eigens für dieses Gebiet abgestellte Spezialeinheit, die Multi-National United (MNU) übernimmt die Kontrolle über District 9. Diese Gruppe verfolgt jedoch ganz eigene Ziele, man will sich die Waffen der Aliens einverleiben. Das Problem: Diese Waffen lassen sich nur mit der DNA der Aliens aktivieren. Als sich ein Agent der MNU mit einem Virus aus dem Raumschiff infiziert, verändert dies dessen DNA. Eine folgenschwere Veränderung, denn er wird somit zum Schlüssel für die Technologien der Aliens…

Einen großen Namen hat “District 9″ immerhin zu bieten: “Herr Der Ringe”-Regisseur Peter Jackson steht als Produzent hinter dem Projekt. Abgesehen davon setzt man auf neue, unbekannte Gesichter, was inzwischen durchaus sinnvoll ist, wenn man einem Film mehr Qualität verleihen will. Die etablierten Mimen aus Hollywood vermögen in letzter Zeit offensichtlich nur noch sich selbst zur Darstellung zu bringen. Auch der Regisseur liefert hier sein Debüt ab: Neil Blomkamp ist 29 Jahre jung, geboren in Johannisburg und steht den etablierten Regiegrößen in Hollywood offensichtlich in nichts nach. Aber genug der Worte. Lasst die Bilder sprechen:

Vicky Cristina Barcelona

Woody Allen ist inzwischen mehr Europäer als US-Amerikaner, zumindest aus filmischer Sicht. Mit Geld aus Hollywood zieht es Allen seit geraumer Zeit vor, lieber in Europa zu drehen, und seinen Filmen bekommt dies durchaus gut. Das “Vicky Cristina Barcelona” dann auch noch ein besonders guter Film wird, der auch hierzulande mal mehr als 100.000 Zuschauer in die Kinos lockte, mag nicht zuletzt auch an dem fabelhaften Starensemble liegen, welches Allen für sein Publikum auffährt. Die 100.000er-Marke knackte der Film bereits an seinem Startwochenende und bescherte Allen damit seinen erfolgreichsten Deutschlandstart in seiner bisherigen Karriere. Seit Mai ist der Film nun bereits auf DVD und BluRay erhältlich und bedürfte eigentlich keiner weiteren Erwähnung mehr, wenn da nicht ständig das Vorurteil wäre, dass dies ein Film über die Liebe sei.

Das ist er wohl, ganz ohne jeden Zweifel aber nicht nur, sondern vielleicht nur ein wenig am Rande. Daneben ist er aber noch viel, viel mehr. Ein Film über das Leben, das Gute und das Langweilige, ein Film über Medien, ein Film über die Kunst, ein Film über Filme sowieso und natürlich auch ein Film über die Zeit.

Gilles Deleuze unterscheidet zwei große Formen im Kino: das Bewegungsbild und das Zeitbild. Ersteres ist das Handlungskino, Aktionen und Bewegung bestimmen diese Form. Das Zweite ist, wie der Name schon vermuten lässt, dadurch gekennzeichnet, dass die Aktion, die ständig fortschreitende Handlung ausgesetzt wird, jene Filme machen die Zeit auf ihre Art und Weise selbst zum Thema. Und was macht Woody Allen hier: er legt beide Formen raffiniert übereinander.

Im Bewegungsbild unterscheidet Deleuze den Film einmal mehr in die große und die kleine Form. Die große Form führt den Zuschauer in eine Situation ein, im weiteren Verlauf ergibt sich aus dieser Situation Aktion, die Handlung setzt ein und führt am Ende schließlich zu einer neuen, veränderten Situation (S-A-S`). “Vicky Cristina Barcelona” scheint auf die selbe Weise zu funktionieren. Vicky und Cristina kommen in Barcelona an und wollen den Sommer verbringen. Die Situation ist klar und die Aktion meldet sich in Form von Juan, der die beiden zu einem Ausflug und unverfroren auch zum “Liebe machen” einlädt. Die Situation wird aufgelöst durch eine Reihe unzähliger Aktionen, die zwischenzeitlich immer wieder neue Situationen hervorrufen, die sich erneut als Ursache für weitere Aktionen entpuppen – das Bewegungsbild und die große Form, ganz im Sinne von Deleuze. Doch worauf läuft die ganze Handlung schlussendlich hinaus? Auf eine veränderte, von der Anfangssituation verschiedene, neue Situation? Eher nicht. Nach 96 Minuten wird man feststellen, dass Alles so ist, wie es vorher schon war. Im Prinzip ist nichts passiert, jegliche Aktionen des Handlungsfilmes werden relativiert. Was hat uns der Film dann aber noch gezeigt, wenn es nicht seine Handlung ist? Die Zeit! Das Zeitbild meldet sich zu Wort und mit ihm Allens wunderbarer Blick auf das Leben, und wie die Zeit vergeht, und wie jeder irgendwie weitermacht, Tag für Tag anders und am Ende doch immer das Selbe.

Vicky heiratet ihren Mann, obwohl sie ihn nicht wirklich liebt. Judy Nash, eine Freundin von Vickys Familie, durchlebt mit ihrem Mann Marc das gleiche Schicksal, ist jedoch zu alt, um noch zu handeln, um aus der Situation mittels Aktion eine neue Situation zu machen. Sie rät Vicky zum Handeln, zur Aktion, doch Vicky lässt die Zeit verfliegen, sie verweilt in ihrer Situation. Etwaige Aktionen, wie die kurze Affäre mit Juan, bleiben folgenlos. Die Zeit vergeht und nichts passiert, abgesehen davon, dass das Leben weitergeht.

Cristina beginnt auch eine Affäre, eine von vielen in ihrem Leben. Man könnte meinen, sie kennt gar keine Situationen, sondern nur Aktionen, denn wirklich zufrieden ist sie niemals, ständig auf der Suche nach sich selbst, ständig in Bewegung, ständig in Aktion. In ihre Affäre mit Juan drängt sich eines Tages dessen Ex-Frau. Alles scheint perfekt. Eine perfekte Situation für Alle drei, Liebe zu dritt. Doch Cristina hält das Perfekte nicht aus, sie kann mit der Situation nicht umgehen, sie muss in Aktion treten und verlässt Juan und Maria Elena. Für Juan und seine Ex-Frau ergibt sich daraus wieder die selbe Situation wie immer: Sie streiten sich, sie lieben sich und sie werden sich wieder trennen. Wie immer, nichts hat sich verändert.

Für Cristina bleibt aber auch Alles wie gehabt. Sie tritt wieder in Aktion, begibt sich auf die Suche nach einer Situation, mit und in der sie leben kann, unwissentlich, dass sie diese nicht finden wird. Denn Situationen können sie nicht glücklich machen, sie braucht die Veränderung. Veränderung ist ihre feststehende Konstante im Leben, es ist ihr Leben in Aktion zu bleiben, in Cristina fallen Stillstand und Veränderungen zusammen, sie symbolisiert das, was Woody Allens Film ist: Bewegungsbild und Zeitbild zugleich, Cristina symbolisiert auch das Leben, immer weiter, jeden Tag neu, jeden Tag was Anderes und daher jeden Tag das Selbe.

In diesem Sinne ist “Vicky Cristina Barcelona” dann tatsächlich ein Liebesfilm, mit einer Liebeserklärung an das Leben, das hier auf so herzliche Weise verfilmt wurde.

Transformers 2 – Die Rache. Ein Annäherungsversuch

Michael Bay ist seit Jahren schon ein Garant für Filme, in denen die Handlung eher nebensächlich ist, Mitdenken durch den Zuschauer bewusst unerwünscht ist und die vor allen Dingen laut sind: “bang, bang, buff” sind vielleicht die besten Wörter, die man finden kann, um das Kino des Michael Bay zu beschreiben. Mit Transformers, Teil 1 und erst Recht Teil 2, hat Bay nun das Kino von Grund auf revolutioniert, eine wahre Wende vollzogen. Fraglich bleibt nur, ob der Zustand seines neuen, revolutionierten Kinos nun besser ist, oder gar durch den Konsumenten erwünscht war. Schaut man sich das Ergebnis in Form zweier unglaublich langer und ebenso unglaublich leerer Computeranimationen an, dann ist die Antwort klar.

Einstmals war es so, dass ein Film Ursprung für neue Einnahmequellen war. Längst verdient die Filmwelt nicht mehr nur an den Kinokassen, sondern auch anderswo, z.B. im Spielzeugladen. George Lucas hat es mit seinem StarWars-Merchandising-Universum ja vorgemacht. Und auch Walt Disney, zuletzt mit “Cars” im Kino, wie auch in den weltweiten Kinderzimmern ungeheuer erfolgreich, zeigt eindrucksvoll, wie ein Film manchmal auch zu Spielzeug werden will. Bay dreht den Spiess um, bei ihm wird Spielzeug zu Film, nichts anderes ist Transformers und allein diese Skurrilität muss man sich nur mal kurz durch den Kopf gehen lassen: Man verfilmt ein Kinderspielzeug aus den 80er Jahren; keine Geschichte, keine Buchvorlage, keine Filmvorlage – überhaupt keine Vorlage, ausser eben ein Ding aus dem Kinderzimmer von damals. Dieses Manko, eben nur ein Ding zu sein, merkt man dem Film in jeder Sekunde an, der plötzlich auch nichts weiter zu sein scheint als ein Ding, es läuft zwar im Kino, man kann es auf der großen Leinwand sehen, aber es ist kein Film!

Blech, Blech und dazu jede Menge Blech, dass sich ständig verformt, umformt, zerformt und dann wieder neu formt, ohne dass der Betrachter, ob der Hektik in all der Formerei auch irgendwas Konkretes erfassen könnte. Was auch? All das Blech, die gigantischen, in den Himmel wachsenden Blechberge, verdecken jede Sicht auf irgendwas. Der wenig hinterfragende, unkritische Betrachter übersieht bei all dem Blech dann auch noch, dass die Bilder an sich völlig leer sind. Eine Computeranimation frei von Sinn, Handlung, Logik und Hirn. Blech für die Müllhalde nicht mehr und nicht weniger.

Eine weitere Wende vollzieht Bay eindrucksvoll: Das Verschwinden des Menschen. Es gab zu meiner Zeit Filme, die kamen ohne Computer aus. Hier war die Kulisse gefragt, all das glaubhaft zu vermitteln, was heute mit dem Computer eher schlecht als recht ins Bild gerechnet wird. Die Kulisse unterstützte den Menschen in seinen Handlungen im Film, gab dem Film sein je spezifisches Aussehen und, wenn sie gut gemacht war, natürlich seine Schönheit und seinen Charme. Was ist aber bei Bay die Kulisse, wo doch Alles aus dem Computer zu stammen scheint? Der Mensch. Bay wählt offensichtlich schöne Kulissen aus, damit auch sein Film von der Schönheit der Kulisse profitieren kann: Es sind Megan Fox und Shia LaBoef die zur Kulisse für die Effekte werden, die selbst den Status des Hauptdarstellers übernehmen.

Die Verfilmung von Gegenständen verkommt auf der Leiwand zum größten Unsinn, den es seit 1896, der Geburtsstunde der bewegten Bilder, eben dort, auf der Leinwand, jemals zu sehen gab.

Hangover – Preview zum Bundesstart am 23.07.2009

Hoppla, eine Auffälligkeit in den US-Kinocharts! Die Unkundigen jubeln derzeit aus nicht nachvollziehbaren Gründen dem selbsternannten “Kino”-”Highlight” des Jahres (Transformers 2) entgegen und bemerken erneut nicht, wie schon dessen Vorgänger (Transformers 1) weder ein Highlight, noch überhaupt irgendwas mit Kino zutun haben könnte. Nun liebe Leser, schätzen Sie sich glücklich – besseren Wissens. Und die Tatsache, dass Sie hier gerade Lesen und dies hoffentlich auch noch für die folgenden Zeilen dieses Themas beibehalten werden, spricht doch deutlich dafür, dass eben benanntes besseres Wissen alsbald auch in Ihrem Kopf Einzug gehalten hat und Sie fortan das wahre Kino-Highlight – nicht vielleicht des Jahres, wohl aber des Sommers – kennen: “Hangover”. Nie gehört? Natürlich nicht! Die Darsteller? – stehen dem in nix nach: sie sind ebenso allesamt eher unbekannt und nur 30 Mio US-$ Produktionskosten? Wie kann sowas denn ein Hit werden, fragt man sich sicherlich auch in Hollywood. Doch dann rast eben dieser Film, kaum der Rede Wert, direkt auf Platz 1 der Kinocharts in den USA und spielt direkt nach dem Startwochenende mit knappen 45 Mio US-$ schonmal locker seine Kosten wieder ein und dies, obwohl der Verleih sich für das eher unökonomische R-Rating (in den USA bedeutet dies “Frei ab 17 Jahren”) entschieden hat und damit eine Unmenge potentieller Zielgruppen ausgeschlossen hat!! Gut, was können die vielen US-Amerikaner schon über die Qualität eines Filmes aussagen, mag der geneigte Leser von FilmDenken nun einwenden und er oder sie hat natürlich recht. Doch solch ein fulminanter Start eines Films, der drittbeste R-Rating-Start in den USA bislang, lässt dann doch irgendwie aufhorchen. Und es klingt gar nicht mal schlecht, es könnte tatsächlich solch ein ganz großes Ding werden, so ein Kultfilm vielleicht.

Bitte sehr:

Doug will also heiraten. Wie es sich gehört, wird kurz davor mit den besten Freunden nochmal kräftig die Sau rausgelassen, bevor 48 Stunden später der schönste Tag für den Bräutigam und seine Braut Tracy ansteht. Mit dabei bei der großen Party in Las Vegas sind neben Doug seine Freunde Phil, Stu und Alan – Dougs zukünftiger Schwager. Das große Besäufnis kann beginnen…der Film klinkt sich hier jedoch aus. Der Tag danach beginnt: Das Hotelzimmer ist zerstört, alle haben einen Kater, ein großer Kater, ähm ein Tiger, sitzt im Bad und niemand weiß, was in der letzten Nacht eigentlich passiert ist. Und noch viel schlimmer: niemand weiß, wo der Bräutigam eigentlich ist. Es folgt die Aufbereitung einer Nacht mit allerlei Skurrilitäten…

Wer dementsprechend im Sommer ohnehin noch nichts Besseres vor hat, sein Geld lieber nicht für “Transformers 2″ wegwerfen will, der sollte hier durchaus einen Blick riskieren, mir scheint der Buzz, den dieser Film erzeugt hat, durchaus angemessen zu sein und es darf Großartiges, vielleicht sogar Geniales, erwartet werden!

Der Fluch der zwei Schwestern (The Uninvited) – Filmkritik

Erzähl mir was Neues! Hollywood steckt in der Krise. Nein, nicht unbedingt die Finanzkrise, zumindest aber nicht nur diese Krise. Vielmehr weiß die Welt seit Jahren schon von der Krise der Kreativität, vom Ausbleiben der Ideen in Hollywood. Technisch macht denen keiner was vor, keine Frage. Was aber dabei herauskommt, wenn die Maschinen einen “Film” machen, sieht man am Beispiel von “Transformers”. Man ist geneigt, hier schon nicht mehr von einem Film zu sprechen, so toll sind die Bilder und so wenig hat all dies dann schlussendlich noch mit Filmen zu tun. War gerade noch die Rede davon, dass die Welt um die mangelnde Inspiration in Hollywood weiß, muss jedoch korrekterweise gesagt werden, dass nicht Alle von diesem Manko etwas mitbekommen haben: Das Kinopublikum geht ja – unkritisch, nicht hinterfragend und offensichtlich ohne großartige Ansprüche – schön brav weiter ins Kino: in Teil 2, Teil 3, Teil 4, Teil 5, das Remake, das Prequel, und natürlich alle Reloads, die da noch so kommen mögen. Warum also Ausschau nach neuen, frischen Ideen halten, wenn man die alte Kuh munter weiter melken kann. Die Krise beginnt nicht in Hollywood, sie beginnt beim Publikum an den Kinokassen.

Gerade in Sachen Remakes ist dies ja immer so eine Sache. Grundsätzlich kann man ja über die Notwendigkeit eines jeden Remakes streiten. Wenn es ein Film zu solch zweifelhaften Ehren, wie eines Remakes schafft, dann scheint er als Original offenbar nicht ganz schlecht zu sein, denn an Schlechtes wagt man sich in Hollywood schlichtweg nicht heran. Wenn das Original aber schon derart gut ist, wieso dann Alles noch einmal drehen? Diese Frage bleibt im Raum, bei jedem Remake und kann auch heute und hier nicht beantwortet werden. So gibt es dann auch kaum nennenswerte Remakes, die ihrem Original das Wasser reichen können. Wenn sie doch wenigstens so gut wären, wie ihre Vorlage – doch meißtens noch nicht einmal das. Es gibt Ausnahmen, quasi Leuchttürme des Remake-Genres; so zum Beispiel “The Ring” in der US-Version toll umgesetzt mit Naomi Watts, oder Spielbergs “Krieg der Welten”. Beide Remakes können der Originalvorlage durchaus noch Etwas hinzufügen und verschaffen sich damit in gewisser Weise ihre ganz persönliche Daseinsberechtigung.

Ein großes Thema daher seit Jahren in den USA: asiatische Klassiker neu zu verfilmen. So hat es denn mit dem “Fluch der zwei Schwestern” den koreanischen Überraschungserfolg (wieso eigentlich überraschend, denn so gut wie dieser Film ist, darf Erfolg doch keine Überraschung mehr sein?!) “A Tale of Two Sisters” von Ji-Woon Kim aus dem Jahr 2003 erwischt, anders kann man es nicht ausdrücken. Grundsätzlich scheint es so, als wären die Guard-Brüder, die die Regie des Remakes übernahmen, durchaus gewillt gewesen, neue Wege zu gehen und die Vorlage vielmehr als inspirierende Einladung für eine sich daraus entwickelnde, eigene Geschichte anzuerkennen. Am Ende bleibt aber ein schlichter Abklatsch des Originals der dieses einfach bei Weitem nicht erreichen kann. Zuviele Fehler wurden gemacht – wissentliche Fehler wohl auch, um aus dem ansprechenden und nicht immer leicht verständlichen Original eine massentaugliche Stangenware zu zaubern. Zumindest dies ist den Brüdern hinter der Kamera vernünftig gelungen.

Der Film wirkt, als versuche er vorsätzlich sämtliche Stärken des Originals zu beseitigen und durch Hollywood-typische Erzähl- und Stilelemente zu ersetzen. Die Story, gleichwohl sie relativ nah am Original angesiedelt ist, schafft es einfach nicht, das Bedrohliche, das Unheimliche, das Beklemmende der koreanischen Ur-Version nachzuempfinden. Massgeblich liegt dies (mal wieder) auch am Ton. Wann begreift Hollywood endlich, dass sich mit Stille soviel mehr Angst auf der Leinwand erreichen lässt, als mit permanentem, pseudo-gruselig-atmosphärischem Gedudel auf der Tonspur? Bresson hat es doch immer schon gesagt: “Der Tonfilm hat die Stille erfunden”, wieso kommt man in den großen Studios nicht auf Idee, die Stille als DAS Geräusch der Angst zu akzeptieren? Man hätte vielleicht nur mal das Original aus Korea richtig anschauen sollen und sich von eben dessen Ruhe und Musiklosigkeit in seinen Bann ziehen lassen, bevor man wieder ohne Sinn und Verstand nahezu jeden Frame des Filmstreifens doppelt und dreifach mit Sound zukleistert, bis man vor lauter Ton nichts mehr sieht.

Doch es liegt nicht allein am Ton, dass beim Remake einfach nicht die zwingend benötigte Stimmung aufkommen will. Einmal mehr versuchen sich die allesamt miserabel agierenden Darsteller derart überzeichnet in ihrer Rolle ins Bild zu rücken, dass das Schauspiel eher an die ebenso völlig an der Realität vorbeiziehenden Darstellungen einer Daily-Soap erinnern. Aber dies hier sollte doch eigentlich großes Kino werden. Wieso konnten die Regisseure, immerhin waren sie sogar zu zweit und damit doppelt so Viele, wie sonst an einem Set üblich, nicht einschreiten und ihren Darstellern sagen, dass weniger oft – und gerade unabdingbar in diesem Film – mehr ist?

So bleibt auch die eigentliche Idee des Films, dieses den Magen verdrehende, schwindelerregende, überraschende und völlig ungeahnte Ende des Originals bereits im Ansatz stecken. Denn die überzeichneten Charaktere tun ihr Bestes, um eben diese eigentlich überraschende Auflösung des Films bereits viel zu früh mitzukommunizieren. Ein Film, der sein eigenes Ende schon so früh verrät, kann nur verlieren. Einmal mehr lohnt es sich, auch bei diesem neuen Remakeversuch, das Geld fürs Kino zu sparen und lieber gleich die DVD mit dem Original “A Tale of Two Sister” zu leihen – nein, besser gleich kaufen.

Illuminati (Angels & Demons)

Am CERN, wo der große Teilchenbeschleuniger LHC gerade seiner Arbeit aufgenommen hat, gelingt es den Wissenschaftlern, erstmals Antimaterie in großen Mengen herzustellen. Doch kurz nach dem Experiment wird ein Teil dieser Antimaterie entwendet. Wenig später taucht diese wieder auf, als Bombe, die den gesamten Vatikan bedroht. Als Urheber der Tat geben sich die “Illuminati” zu erkennen. Prof. Langdon wird nach Rom bestellt, um der Vatikan-Polizeit und der Schweizer Garde bei der Suche nach den Illuminati zu helfen. Die Zeit drängt, denn vier Kardinäle sind entführt worden. Zu jeder vollen Stunde soll einer von ihnen vor den Augen der Öffentlichkeit hingerichtet werden, bevor um Mitternach die Antimaterie-Bombe den Vatikan dem Erdboden gleichmachen soll…

Es ist die zweite Verfilmung eines Dan Brown-Romans nach “Sakrileg-The DaVinci Code” und erneut hat Ron Howard im Regiestuhl Platz genommen. Nach dem großen Hype um den DaVinci-Code im Jahr 2006, den Howard vor allen Dingen der Kirche zu verdanken hatte, die zum weltweiten Boykott des Films aufgerufen hatte, war es diesmal erstaunlich still um die Fortsetzung, wenn man “Illuminati” so bezeichnen will. Gleichwohl ging der Vatikan auch dieses Mal wieder auf die Barrikaden, um den Film nach Möglichkeit gar unmöglich zu machen. So wurde erwartbarerweise keine Drehgenehmigung im Vatikan erteilt und man versuchte gar, Einfluss auf die Behörden zu nehmen, damit der Film kein römisches Gotteshaus auch nur im Hintergrund zeigen konnte. Howard musste also auf Modelle und computer-animierte Kirchenhäuser zurückgreifen, um den Vatikan in seinem Film zu zeigen. Kein guter Einstieg für einen Film, der ausschließlich im Vatikan spielen soll.

Dies wirft so dann auch das Gros der Kritik dem Film vor und tatsächlich haben all diese Kritiken nicht ganz unrecht, wenn bemängelt wird, dass man dem Film und seinen Bildern ansieht, dass sie nicht “On Location” – vor Ort also – gedreht wurden. Andererseits muss man Howard aber hier eher Respekt zusprechen. Denn dafür, dass der Film eben nicht direkt im Vatikan gedreht wurde, sieht doch Alles schlussendlich glaubwürdig aus und schadet dem Film nicht unbedingt. Überhaupt ist der Film besser, als es die Kritiken erwarten lassen und auch besser, als man es nach dem durchaus schwächeren “Sakrileg” hätte erwarten können. Die inzwischen erhätliche 174 Minuten lange DVD Version vom “DaVinci Code” wirkt zuweilen wie langgezogener Kaugummi. “Illuminati” ist mit seinen 140 Minuten Laufzeit zwar auch überdurchschnittlich lang, wirkt in seiner Erzählweise jedoch absolut kurzweilig. Gekonnt legt der Film ohne große Umschweife direkt los und vermag dieses angenehme Erzähltempo bis zum Schluss durchzuhalten. Selten erlebt man Blockbuster wie diesen, die so gekonnt mit Geschwindigkeit umgehen können. Es geht stets voran, die Handlung kommt niemals zur Ruhe und doch ist man weit davon entfernt, in zu große und störende Hektik zu verfallen.

Die Kameraarbeit ist nahezu brilliant. Die Szenen am CERN, gleich zu Beginn, warten mit wunderbaren Kamerafahrten auf, die ihre volle Kraft auf der Leinwand entfalten können. Auch sonst vermag die Kamera die einzelnen Sets wunderbar einzufangen. Interessant ist hierbei, dass oftmals auf Establishing Shots verzichtet wurde. Vielmehr bleiben Tom Hanks und seine Mitstreiter stets im Zentrum des Bildes, währen die Kamera um sie herum in Kreisbewegungen die Örtlichkeiten einfängt. Die hier eingesetzte Steady-Cam vermag dabei schlichtweg tolle Bilder in Bewegung einzufangen. Ein Lob gilt diesmal auch Tom Hanks, der sich in diesem Film erstaunlich zurückhält und damit dem Film sehr dienlich ist.

Leider hat Regisseur Howard im Bezug zur Musik kein so glückliches Händchen bewiesen, wie bei der Wahl des Kameramanns. Wenn man Hans Zimmer als Musiker für einen Film verpflichtet, muss man damit rechnen, dass dieser dann, seinem Ruf entsprechend, ziemlich dick aufträgt. Den Ausspruch “weniger ist of mehr” scheint OSCAR-Preisträger Zimmer jedoch nicht zu kennen. Zimmer kleistert die Bilder wahrhaft zu mit seiner Musik, viel zu dramatisch trällert es da nahezu über die gesamte Laufzeit des Filmes unentwegt auf der Tonspur in den Kinosaal hinein. Das ist hier wirklich zu viel und ist oftmals schlichtweg deplatziert. So versucht Zimmer offensichtlich, einige Bilder dramatischer zu machen, als diese es tatsächlich sind. Vielleicht hätte man hier weniger auf einen Namen, wie Hans Zimmer, setzen sollen und stattdessen lieber einen Profi verpflichtet…

Neben diesem Störfaktor auf der Tonspur gibt es aber auch noch einen Störfaktor auf der Bildebene: Ayelet Zurer in der Rolle der CERN-Wissenschaftlerin Vittoria Vetra. Sie scheint irgendwie von Allem ein bisschen zu sein: Teilchenphysikerin, Kunsthistorikerin, Biologin, Medizinerin…kurzum: ihr fachliches Auftreten in nahezu allen Fragen, die innerhalb der Narration auftauchen, wirkt dann doch etwas zu perfekt für einen einzelnen Menschen und lässt die gesamte Figur daher etwas fragwürdig, um nicht zu sagen unglaubwürdig, erscheinen. Ohnehin muss man sich irgendwie die ganze Zeit über fragen, wieso Vittoria unentwegt überall mit hingezerrt wird. Will man von diesen kleineren Fehlern im Film aber mal absehen, bekommt man eine toll inszenierte, spannende Schnitzeljagd durch Rom zu sehen, welche in ihrer zurückgenommenen, bescheidenen Art deutlich besser gelungen ist, als der groß angelegte, schließlich aber doch eher enttäuschende Vorgänger “Sakrileg”.

Daneben muss man dem Film aber seine ungeheure Treffsicherheit für sein Erscheinen noch zugute halten. Wir schreiben das Jahr 2009, hierzulande das Jahr der Astronomie, denn vor exakt 400 Jahren war es Galileo Galilei der eher zufällig im Jahr 1609 eine kaum beachtete Erfindung aus den Niederlanden erhielt: das Fernrohr. Er setzte es jedoch nicht so ein, wie einige Andere vor ihm auch, um weit entfernte Dinge auf der Erde durch das Fernrohr hindurch zu betrachten: Galilei drehte das Fernrohr einfach Richtung Himmel und was er beobachtete, sollte kurz danach das bisherige Weltbild grundlegend revolutionieren. Da passt es doch ganz gut, wenn 2009, das Jahr in dem auch Galilei bedacht wird, ein Film erscheint, der auch dort seine Wurzeln ansetzt. Das entsprechende Buch Galileis – “Sidereus Nuncius” – wird dementsprechend mehrfach auch im Film erwähnt. Und mehr noch: Es ist erstaunlich, dass sich Autor Dan Brown bereits beim Schreiben seines Buches “Angels und Demons” vor (mindestens) mehr als 6 Jahren dafür entschied, das CERN in die Geschichte einzubauen. Der Teilchenbeschleuniger war damals sicherlich schon im Bau, richtig (Medien-)präsent wurde er aber erst im letzten Jahr mit seiner Fertigstellung (und dem direkt anschließenden Defekt, der den LHC bis zum Herbst diesen Jahres wieder ausser Kraft gesetzt hat). Wenn Alles nach Plan verläuft, wird das CERN erneut für Schlagzeilen sorgen, wenn dann im September 2009 erneut der Regelbetrieb in Genf gestartet werden soll. “Illuminati” ist dabei 2009 ein ungleich zeitgemäßer, aktueller Film, der allein durch diesen Bezug zum CERN schon interessant und sehenswert ist.

Wer “Sakrileg-The DaVinci Code” mochte, sollte sich von den schlechten Kritiken zu “Illuminati” nicht abschrecken lassen und auch diesem Film eine Chance geben. Wer “Sakrileg” nicht mochte, der sollte noch vielmehr “Illuminati” eine Chance geben, ist dieser doch tatsächlich der zwar “kleinere”, aber eben feinere Film von beiden.

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Wege des Films. Vom Kino ins Fernsehen, oder so ähnlich…

…denn der altbewährte Weg eines Films während seiner Auswertung über das Kino, zur Leih-DVD, zur Kauf-DVD, zum Pay-TV und schließlich ins Free-TV wird immer stärker attackiert – attackiert vor allen Dingen von den großen Filmstudios aus den USA. Die Gründe sind nachvollziehbar und daher umso mehr berechtigt. Ein Markt, der so oder so – auch ganz ohne Piraterie im Internet – seine Probleme hat, muss nach neuen Erlösmodellen suchen. Denn auch wenn die Umsätze an den Kinokassen kaum oder gar nicht mehr gestiegen sind, bedeutet dies eben gerade nicht, dass niemand mehr bereit ist, Geld für gute Filme auszugeben. Das Geld wird eben nur an anderer Stelle ausgegeben: Die Umsätze von DVDs und das langsam anlaufende Geschäft mit BluRays, welches erst jetzt in Gang kommt, nachdem der Formatstreit zwischen BluRay und HD DVD beendet ist, zeigen doch auf beeindruckende Weise, dass unglaublich viele Menschen trotz der Möglichkeiten im Internet gern bereit sind, noch unglaublichere Mengen an Geld für den Film auszugeben. Das Piraterieargument fällt angesichts der Verkaufszahlen nachgelagerter Auswertungsstufen des Films, also den Stufen, die nach dem Kino folgen, in sich zusammen.

Da ist es nur logisch, dass die Filmindustrie genau dort ansetzen will und die hohen Absatzzahlen weiter für sich ausnutzen will. Da stört die exklusive Erstverwertung im Kino irgendwie. Schade nur, dass man bei aller Aufmerksamkeit auf DVD und VideoOnDemand dann aber das Kino trotzdem nicht so einfach übergehen kann. Denn immerhin werden auch dort, auch wenn es von Seiten der Kinobetreiber nicht immer so klingt, beachtliche Summen erwirtschaftet. Mehr als 26 Billionen US-$ wurden im Jahr 2007 weltweit an den Kinokassen eingenommen – Einnahmen, auf die kein Filmstudio dieser Welt einfach so verzichten will, und dies wissen nicht zuletzt auch die Kinobetreiber. Sie fürchten um ihre Existenz, falls die Filmindustrie tatsächlich wahrmacht, was sie seit längerer Zeit schon laut vordenkt: Filme auch mal zeitgleich zum Kinostart auf DVD zu veröffentlichen, oder gar den Kinostart einer anderen Verwertungsstufe nachordnen. Jegliche Versuche der Filmindustrie, an der Exklusivität der Kinoauswertung zu rütteln, werden mit knallharten Boykotts durch die Kinos kommentiert. Dabei wäre es endlich angebracht, dass auch die Kinos dieser Welt aufwachen, sich im Jahr 2009 herzlich willkommen heißen lassen und den Gegebenheiten anpassen. Denn von einem Ende der Kinos kann unter gar keinen Umständen die Rede sein. Kino muss nur wieder zu dem werden, was es sein sollte: ein unvergleichliches Erlebnis, welches eben nicht im Heimkino nachgeahmt werden kann. Dies mag technisch möglich sein, aber eben nicht emotional. Genau auf diese Stärke sollten sich Kinos allmählich (zurück)besinnen.

Wer mehr über die Filmverwertung erfahren will, und mit welchen Fingerspitzengefühl die großen Studios derzeit schon daran arbeiten, um das klassische Verwertungsmodell neu zu definieren, der sollte den nachfolgend verlinkten Text lesen: Hier gehts zum Text!